Blasse Hoffnung bei Wahl in Afghanistan

14. Juni 2014, 21:02
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Taliban schnitten Wählern Finger ab - Wahlbeteiligung 60 Prozent - Ergebnisse erst im Juli

Kabul/Neu-Delhi - Rund zwölf Jahre hat er, beschützt von hohen Mauern und schwerbewaffneten Wachen, in Kabuls 1880 erbautem Präsidentenpalast residiert. Nun muss Hamid Karsai die Koffer packen und in seine neue Villa umziehen. Bei der Wahl am Samstag durfte Karsai nicht mehr antreten.

Zur Stichwahl, die Samstagabend (Ortszeit) in Kabul beendet wurde, traten die beiden früheren Minister Abdullah Abdullah und Ashraf Ghani an.

Monate vor dem Nato-Abzug steht Afghanistan nun vor seinem ersten demokratischen Machtwechsel. Kaum jemand wagt eine Prognose, alles scheint möglich: ein klarer Sieg des Favoriten Abdullah, ein Kopf-an-Kopf-Rennen oder ein Überraschungserfolg Ghanis.

Schlangen vor Wahllokalen

Im ganzen Land waren die Sicherheitsvorkehrungen verschärft worden. In Kabul und anderen Städten bildeten sich Schlangen vor den Wahllokalen. In mehr als 330 Wahllokalen im Land gingen die Wahlzettel aus, die Wahlkommission musste Nachschub liefern. Laut Angaben der Wahlbehörde lag die Beteiligung am Samstag bei 60 Prozent.

Taliban-Kämpfer haben laut Innenministerium elf Wählern deren mit Tinte markierten Finger abgeschnitten. Die Opfer seien in der westafghanischen Provinz Herat ins Krankenhaus gebracht worden, teilte Vize-Innenminister Mohammad Ajub Salangi am Samstagabend über Twitter mit.

Das Innenministerium registrierte bis Samstagmittag mindestens 150 Anschläge und Angriffe, machte aber keine Angaben zu Opfern. Die Taliban teilten mit, sie hätten bis zum Mittag 246 Ziele im Land angegriffen. Nach Angaben der Regierung wurden 400.000 Sicherheitskräfte eingesetzt, um Wähler und Wahllokale zu schützen.

Als Favorit wird Abdullah, der von 2001 bis 2005 Außenminister war, gehandelt. In der ersten Runde hat der 53-Jährige zwar die notwendige absolute Mehrheit verfehlt, mit knapp 45 Prozent aber die meisten Stimmen von acht Kandidaten erhalten. Ghani kam auf knapp 31 Prozent.

Fragwürdige Allianz

Zuletzt schien er aber aufzuholen. Eine Umfrage sah den 65-Jährigen vor Abdullah. Zu verdanken hätte er dies einem neuen Verbündeten: dem usbekischen Warlord General Abdul Rashid Dostum, mit dem Ghani ein Bündnis eingegangen ist. Er gilt als Kriegsverbrecher, aber er bringt die Stimmen der usbekischen Minderheit.

Schon vor der Wahl reklamierten beide lautstark den Sieg für sich. Das könnte nach der Abstimmung für böses Blut sorgen. Viele fürchten, dass der Verlierer das Ergebnis nicht akzeptiert. Dann könnte Karsai eine Schlüsselrolle zufallen, den Streit zu schlichten.

Die beiden Kandidaten unterscheiden sich weniger in ihren Inhalten als in Stil und Ethnie. Der gelernte Augenarzt Abdullah machte sich einen Namen als rechte Hand des tadschikischen Volkshelden Ahmad Shah Massoud, der die Nordallianz im Kampf gegen die Taliban führte.

Der gelernte Ökonom Ashraf Ghani, ein Paschtune, gilt als kluger Kopf. Er machte in den USA Karriere und bekam den US-Pass. Erst nach dem Sturz der Taliban 2001 kehrte er zurück. Bei der Wahl 2009 wurde er noch als Ausländer verhöhnt, inzwischen gibt es sich deutlich volkstümlicher.

Der neue Präsident steht vor fast unlösbaren Problemen. Er muss nicht nur mit den Taliban fertigwerden, die Regierung wird auch noch lang von Geld und Wohlwollen des Westens abhängen. US-Präsident Barack Obama meinte jüngst: "Wir müssen begreifen, dass Afghanistan kein perfekter Ort sein wird und es nicht Amerikas Verantwortung ist, aus Afghanistan einen solchen zu machen."

Unmittelbar nach dem Ende der Wahl begann die Auszählung der Stimmen. Ein Ergebnis wird erst im Juli erwartet. Angaben zur Wahlbeteiligung liegen noch nicht vor.  (red/Christine Möllhoff, DER STANDARD, ergänzt durch derStandard.at, 15.6.2014)

  • Wählerinnen stellen sich vorm Wahllokal in Herat, Afghanistan, an.
    foto: apa/epa/jalil rezayee

    Wählerinnen stellen sich vorm Wahllokal in Herat, Afghanistan, an.

  • Afghanische Wähler in der Provinz Herat. Taliban-Kämpfer haben ihne nFinger abgeschnitten
    foto: reuters/mohammad shoib

    Afghanische Wähler in der Provinz Herat. Taliban-Kämpfer haben ihne nFinger abgeschnitten

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