"Keine Lernkurve in den USA"

13. Juni 2014, 20:38
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Für Seymour Hersh war Isis-Vormarsch im Irak absehbar

Für den US-Journalisten Seymour Hersh kommt der Vormarsch der Isis (Islamischer Staat im Irak und Großsyrien) nicht unerwartet. "Das war absehbar. Die amerikanischen Geheimdienste beobachten Saudi-Arabien sehr genau. Die haben Geld und kleine Waffen geliefert in den vergangenen vier, fünf Jahren. Das waren einige Hundert Millionen pro Jahr." Vor allem in die Region Anbar, das Herzstück der sunnitischen Opposition, sei viel Geld geflossen, sagte der Nahostspezialist im Gespräch mit dem Standard am Rande eines Medienkongresses in Barcelona, auf dem er eine Rede hielt.

Warum der Vormarsch jetzt erfolge? "Es gibt Anzeichen dafür, dass der Ausbruch von Extremisten aus dem Gefängnis von Abu Ghraib damit zu tun hat", sagte Hersh. Dies habe zu einer weiteren Radikalisierung geführt. Hersh war 2004 der erste Journalist, der über die Foltermethoden von US-Soldaten in Abu Ghraib berichtete. Für seine Berichterstattung über das My-Lai-Massaker in Vietnam 1969 bekam Hersh den Pulitzer-Preis.

Seiner Ansicht nach liefert der Vormarsch der Isis Ministerpräsident Nuri al-Maliki Argumente für Bombardierungen. Dieser sei ohnehin nicht stark und erhoffe sich Rückenwind für die Wahlen.

Nach Ansicht von Hersh wird Isis nicht versuchen, Bagdad einzunehmen, sondern darauf setzen, ihre jetzt eroberten Bastionen zu sichern. Der Journalist, der viele Jahre für die New York Times und den New Yorker arbeitete, findet die Berichterstattung in vielen Medien oberflächlich. Wenn es um Terrorismus gehe, werde fast immer von Al-Kaida gesprochen, "dabei ist nicht alles Al-Kaida, die ist längst nicht mehr so mächtig". In den USA werde dieser Begriff vor allem deshalb verwendet, weil die Anti-Terror-Gesetze darauf beruhten und Al-Kaida ein rechtlicher Terminus sei. Um der US-Regierung ein Handeln zu ermöglichen, werde alles mit Al-Kaida bezeichnet, "ob dies nun zutrifft oder nicht. Das hält Al-Kaida auch in Medien groß."

Nach Ansicht von Hersh "haben die Amerikaner keine Ahnung, was passieren wird". Die USA seien mit schuld an der derzeitigen Lage. Im Irak seien Mitarbeiter der Regierung und Armee, darunter viele Sunniten, entlassen und zu Al-Kaida getrieben worden. "Das waren die Einzigen, die ihnen Geld gaben." In Afghanistan kämpfen US-Soldaten seit 13 Jahren und "haben nichts erreicht".

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 habe man nichts gegen die sozialen Probleme unternommen, die zu Terrorismus führten. "Jüngere Familienmitglieder werden dann für terroristische Zwecke verkauft, wenn kein Geld da ist. Viele kennen den Koran nicht einmal." Hershs Fazit: "In den USA gibt es keine Lernkurve." Die Europäer würden aber gar nichts unternehmen und nicht einmal einig sein. (Alexandra Föderl-Schmid aus Barcelona, DER STANDARD, 14.6.2014)

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