"Zwölf Stämme" - Sektenmitglieder in Tirol vermutet

14. Juni 2014, 12:00
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Ein Aussteiger erzählt von Gewalterfahrungen in der Sekte "Zwölf Stämme". Mitglieder der Gruppe sollen mit ihren Kindern vor wenigen Wochen nach Österreich gezogen sein, um die deutsche Schulpflicht zu umgehen

Klosterzimmern/Wien- Einmal, so erinnert sich Christian Reip, habe er ein bisschen Zucker geklaut und gegessen. Die Erwachsenen der Gruppe hätten das Vergehen angeprangert und den Vater aufgefordert, sein Kind zu bestrafen. Dieser sei mit dem Sohn hinausgangen und habe ihn verprügelt. "Das Kind soll auf jeden Fall weinend zurückkommen, das erwarten die so", erzählt Reip.

Szenen wie diese fallen dem heute 22-Jährigen massenweise ein, wenn er an seine Kindheit und Jugend in der Sekte "Zwölf Stämme" denkt. Schläge in der Erziehung und Schulverweigerung - wegen dieser Dinge stand die urchristliche Gruppe in Deutschland schon lange in der Kritik.

Schläge heimlich gefilmt

2013 hatte sich ein RTL-Reporter im bayrischen Klosterzimmern eingeschmuggelt und heimlich Misshandlungen gefilmt. Das Jugendamt des Landkreises Donau-Ries reagierte schnell auf die Beweise: Am 5. September wurden alle Kinder aus den Familien geholt, insgesamt 40. Den Sektenmitgliedern war das Sorgerecht entzogen worden. Die Kinder wurden in Heime und Pflegefamilien gebracht. Nun wird vor Gericht um jedes einzelne gerungen.

26 Kinder sind weiterhin außerhalb untergebracht, einige durften vorerst zurückkehren, es fehlen die richterlichen Bescheide. Fünf Familien haben sich jedoch Ende April mit ihren Kindern nach Österreich abgemeldet, bestätigte das Landratsamt Anfang Juni. Adressen wurden den deutschen Behörden nicht genannt. 

Standard-Informationen zufolge sollen sich die fünf Familien in einer kleinen Gemeinde in der Nähe von Innsbruck niedergelassen haben. „Wenn weder Polizei noch andere Tiroler Behörden Meldung erhalten, kann der aktuelle Aufenthaltsort nur schwer in Erfahrung gebracht werden. So könnten sie auch privat untergekommen sein, vermutet ein Mitarbeiter der Bundesstelle für Sektenfragen.

Wenig Kenntnisse

Eine Präsenz der „Zwölf Stämme“ ist in Österreich bislang noch nicht bekannt. Die Medienberichte, die Selbstdarstellung und die Erfahrungen deutscher Behörden vermittelten einen „speziellen Eindruck“ von der Gemeinschaft, heißt es aus der Bundesstelle.”

Es ist nicht unüblich, dass Sektenmitglieder mit Kindern der Schulpflicht entkommen wollen und deshalb nach Österreich auswandern, wo es vergleichsweise einfach ist, Kinder zu Hause zu unterrichten. Doch die Prügelstrafe ist in Deutschland wie in Österreich verboten. Im Verdachtsfall müssen die Behörden Maßnahmen ergreifen, das Kindeswohl steht im Vordergrund.

Reip und seine Familie sind bereits vor vier Jahren vor der Sekte geflohen. In Klosterzimmern, wo der junge Mann einen großen Teil seines Lebens verbracht hat, seien Kinder allein deshalb geprügelt worden, weil sie "weltliche Musik" sangen oder das Brummen eines Flugzeuges imitierten.

Gesprächsversuch scheitert

Ein Versuch, nach erfolglosen Telefonaten mit den Betroffenen persönlich zu sprechen scheitert - in Klosterzimmern, einem ehemaligen Zisterzienserinnen-Kloster in deren Zentrum eine gotische Kirche steht. Ein Fußweg führt zwischen Häusern und Feldern entlang, rechts sieht man die alten bäuerlichen Häuser. Sehr schnell kommt eine Frau gelaufen: "Halt, was wollen Sie hier? Das ist Privatgrund." Sie hat lange grau-weiße Haare und trägt ein wallendes Kleid. Sprechen will sie nicht.

Von 1979 an versuchte die Sekte, die Kinder selbst zu unterrichten. Sieben Jahre lang hatte der Freistaat Bayern eine Genehmigung dafür erteilt. Christian Reip hat eine Bescheinigung, dass er die Schulpflicht erfüllt hat - mehr nicht, er hat nicht einmal den Hauptschulabschluss, so wie auch keines der anderen Kinder, glaubt er. Mit dem Lesen und Schreiben tue er sich schwer.

Ausgebildete Lehrer habe es kaum gegeben, stattdessen hätten Hebammen und Erzieherinnen. unterrichtet. Jene Frau, die am meisten unterrichtet habe, "war gefürchtet von allen - die kannte keine Gnade". Sie habe "saumäßig draufgedroschen": Im alttestamentarischen Buch heißt es: "Wer die Rute spart, hasst seinen Sohn, wer ihn liebt, nimmt ihn früh in Zucht." (Patrick Guyton, Julia Herrnböck, DER STANDARD, 14.6.2014)

  • So idyllisch sich die Gemeinschaft im bayrischen Klosterzimmern präsentiert, so wenig passen die Schilderungen des ehemaligen Mitglieds Christian Reip in das Bild.
    foto: epa

    So idyllisch sich die Gemeinschaft im bayrischen Klosterzimmern präsentiert, so wenig passen die Schilderungen des ehemaligen Mitglieds Christian Reip in das Bild.

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