Potenz und Opulenz: Eine Liebesgeschichte

13. Juni 2014, 18:42
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Die "Love Story" des Sammlerpaars Anne und Wolfgang Titze präsentiert sich zum einen in barockem, zum anderen in modernem Ambiente: eine reiche Kollektion, allerdings ohne spezifische Leidenschaft.

Wien - Der rostige Neuling hat schon Freunde gefunden: Bei prächtigem Wetter posieren vor dem Schloss Belvedere bereits die ersten Touristen mit der riesigen Stahlskulptur, geben vor, einen der beinahe kreisrunden Stahlbögen anschieben zu wollen. Denn Bewegung ist neben Zeit und Raum eines der wesentlichsten Themen des französischen Bildhauers Bernard Venet. Arcs in Disorder - "Bögen in Unordnung" - heißt der jüngst aufgestellte Koloss neben dem Teich, der sich so wunderbar konträr zur strengen, symmetrischen Ordnung der barocken Gartenanlage verhält. Die drei weißen Feldherrenzelte weiter hinten sind allerdings kein Künstlergruß an Prinz Eugen, der ein Mäzen seiner eigenen künstlerischen Zeitgenossen war, sondern Caterer-Kulisse für das große Sommerfest am Abend.

Anlass dazu gibt die Eröffnung der Ausstellung Love Story, eine private Liebesgeschichte des Sammlerpaars Anne und Wolfgang Titze zur Kunst, die gleich auf mehreren Spielflächen erzählt wird: neben dem 21er-Haus, wo man die Gegenwart ja ohnehin vermutet, eben auch im Winterpalais, der noch recht neuen Dependance in der Himmelpfortgasse: Das "Enchante!" von Zeitgenossen und Barock, das im Park begonnen wurde, wird hier ausgiebig fortgeführt.

"Ich bin mir nicht sicher, was dort passieren wird", spricht Titze, der Wirtschaftswissenschaftler, der als Unternehmensberater einst an der Machbarkeitsstudie für das Guggenheim Museum mitarbeitete. Das Sakrileg von Versailles, auf das der Sammler anspielt, wird sich im interventionsgeübten Wien wohl nicht wiederholen. In Frankreich aber hatte Kitschkönig Jeff Koons 2008 seine riesigen Ballonpudel und Playboyhasen im güldenen Schloss des Sonnenkönigs herumtollen lassen und damit einen Skandal ausgelöst, weil manch einer das heimatliche Kulturerbe beschmutzt sah.

Die Spannung, die sich in der Liaison von historischem Rahmen und Gegenwartskunst, im Aufeinandertreffen verschiedener Gedankenwelten ergibt, reizte die Titzes auch beim Angebot, das Winterpalais zu bestücken. Er habe Respekt vor dem unglaublichen Barockgebäude - hier werde nichts "vergewaltigt". Stimmt. Provokativ schon eher die selbstbewusste Ansage: "Wenn Prinz Eugen noch leben würde, er hätte sich so eingerichtet."

Baselitz' Grüßaugust

Ein gut drei Meter hoher Bronzeguss von Baselitz macht dort den Grüßaugust, bevor es entweder hinauf in die Prunkräume oder die Sala terrena geht, wo Marina Abramovic und Nathalie Djurberg unter der Sonne Olafur Eliassons ein Stelldichein mit einem fedrigen Eisbären (Paolo Pivi) haben.

Treppauf reiht sich Salon an Salon, ein Künstler von Rang und Namen an den anderen: Gerhard Richter, Robert Longo und Anselm Kiefer lassen das Meer rauschen. Zwei große Bs, die Machos Baselitz und Barney, treffen sich in einem anderen Kabinett. Mario Merz leuchtet dazu, Piero Manzoni wirft Falten.

Weiters zu sehen: Ein Keramikbassin von Sterling Ruby, das einen Blick in die Hölle zu gewähren scheint, in Nachbarschaft zu einer Farbfeldmalerei von Sean Scully. Nebenan kühlt ein weiterer Amerikaner, der Westcoast-Minimalist Larry Bell, die barocke Pracht mit einem kühlen Glaskubus herunter. Die Leuchtfarben in die die Figur eines Nigel Cooke Gemäldes gefallen ist, kokettieren mit barocker Blumenpracht über einem Türsturz.

Opulente Kunst in opulenten Räumen - da verträgt es auch Gold und Silber: Jacob Kassay bringt das Edelmetall auf die Leinwand, Rudolf Stingel holt den Glitzer in Form von Celotex-Dämmplatten herein. Im Baumarkt fand er auch die Ornamentroller, eine günstige Alternative zur edlen Seidentapete. Von James Lee Byars ist die Goldkugel in der Mitte. Punkte (Yoyoi Kusama) dialogisieren mit der Wanddeko, die riesige Sperrholz-Ananas (Toby Ziegler) mit dem Parkett. Eine künstlerische Breite, in der sich kein Schwerpunkt findet; das Auge ist daher gar nicht versucht, tiefer zu tauchen.

Wie museal die Kollektion der österreichisch-französischen Sammler ist, wird im 21er-Haus dann umfangreich untermauert und rund um ein Zentrum mit Schlüsselwerken der Minimal Art arrangiert: Steht man dort und verbindet sich über Carl Andres 39 Kupferplatten mit dem Raum, erscheinen die drei Leuchtstoffröhren von Dan Flavin, darunter seine erste, fast wie ein Triptychon. Robert Morris, Donald Judd, Sol LeWitt gesellen sich dazu. Teil der Kollektion sind auch Arbeiten der Österreicher Heimo Zobernig und Erwin Wurm; Zaungäste hingegen fünf grellfarbige Objekte von Franz West, die sich aus dem Außenraum hereinschummeln und mit jenen der befreundeten Kollegin Sarah Lucas flirten. Ein schöner Moment!

Qualität und beachtliche Quantität, das ruft nach Anerkennung: Wer kann, der kann! Ist es aber wirklich das, woran eine private Sammlung zu messen ist? Ihre Konkurrenzfähigkeit zu einem Museum? Ihre Breite? Ihre Kaufkraft? Ihre Trophäen? Schätzt man nicht vielmehr den subjektiven Blick des Kunstliebhabers, der sich weder um Objektivität, noch um angesagte Marktgrößen scheren muss? - Für die Eröffnung von "Love Story" sind 26 Galeristen zu Gast: Sie haben an der Sammlung, so wie viele andere Berater auch, mitgestrickt. Eine intime Liebesgeschichte, die ist es nicht.  (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 14.6.2014, Langfassung)

Ausstellung des Belvedere im 21er-Haus und im Winterpalais des Prinz Eugen

Bis 5. 10.

  • Im Paradeschlafzimmer des Prinzen Eugen lehnt ein Gemälde Wade Guytons lässig an der Wand. Die Sammlung von Anne und Wolfgang Titze sucht die Spannung zum historischen Ambiente.
    foto: gregor titze

    Im Paradeschlafzimmer des Prinzen Eugen lehnt ein Gemälde Wade Guytons lässig an der Wand. Die Sammlung von Anne und Wolfgang Titze sucht die Spannung zum historischen Ambiente.


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