Fliehkraft auf deutschem Strommarkt wächst

Bericht13. Juni 2014, 18:44
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Deutschland soll bei Strom in eine (billige) nördliche und eine (teure) südliche Preiszone geteilt werden. Österreich ist dagegen

Wien/Berlin - Strom kostet im Großhandel gleich viel, egal, ob er im windreichen Norddeutschland ins Netz eingespeist wird oder in Bayern, wo tendenziell mehr Strom verbraucht als produziert wird. Weil Österreich mit Deutschland eine Preiszone bildet, sind die Notierungen an der Leipziger Strombörse auch hierzulande maßgeblich. Das kann so bleiben, muss aber nicht.

In Deutschland wird - vorerst nur in akademischen Zirkeln - diskutiert, aus der einen Preiszone zumindest zwei zu machen. Grund sind die Verwerfungen am europäischen Strommarkt, die in Deutschland ganz besonders stark ausgefallen sind. Durch den mit viel Fördergeld angeschobenen Ausbau erneuerbarer Energien, der mit schöner Regelmäßigkeit im Norden Deutschlands zu einem Überfluss an Strom führt, der weiter südlich fehlt, kommt das System immer mehr an seine Grenzen. Verschärft wird die Situation durch die Tatsache, dass aufgrund des von der deutschen Bundesregierung beschlossenen Atomausstiegs bis 2022 die verbliebenen AKWs in Süddeutschland vom Netz gehen. Weil die Leitungen zwischen Nord und Süd zu schwach sind, der Strom aber immer den Weg des geringsten Widerstandes nimmt, kommen Polen und Tschechien immer stärker unter Druck. Das alles spreche für zwei Preiszonen in Deutschland, sagte Marc Oliver Bettzüge, Direktor des Energiewirtschaftlichen Instituts der Universität Köln, am Freitag in Wien.

Harter Schlag für Österreich

Er wiederholte damit seine im Frühjahr formulierte These, erst getrennte Preiszonen würden den ökonomischen Mehrwert von süddeutschen Kraftwerken in Engpasssituationen transparent machen. Eine norddeutsche und eine süddeutsche Preiszone, die entlang der Mainlinie verliefe, würde zu höheren Strompreisen in Süddeutschland führen - nach Berechnungen von Bettzüge mit einer Preisdifferenz von rund fünf Euro je Megawattstunde zum Niveau im Norden. Größenordnungsmäßig wären das rund zehn Prozent des derzeitigen (einheitlichen) Strompreises.

Das aber würde auch Österreich hart treffen. Hiesige Unternehmen profitieren derzeit von den günstigen Großhandelspreisen in Deutschland massiv. Strom würde für Industriebetriebe (für Haushaltskunden gelten andere Regeln) bei Aufspaltung Deutschlands in zwei Preiszonen in Österreich ebenfalls teurer, da Süddeutschland der Bezugsmarkt ist.

Neben Stromregulator Walter Bolz ist auch Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber interessiert, dass es bei einer Preiszone bleibt. Dazu sei es aber notwendig, den Leitungsausbau zu forcieren. Je größer der Strommarkt und je kleiner die Engpässe, desto niedriger der Preis. Zudem sei der Ausbau der Leitungen von allen möglichen Varianten zur Entspannung der Situation die günstigste.

Illusionen gibt man sich aber keinen hin. Angesichts von Anrainerprotesten werde es nicht einfacher, Leitungen zu bauen, hieß es. (Günther Strobl, DER STANDARD, 14.6.2014)

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