Währungsmodernisierung ist überfällig

Kolumne13. Juni 2014, 18:18
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Es gibt keinen Grund mehr zuzulassen, dass die Nullgrenze bei den Nominalzinsen die Geldpolitik weiterhin behindert

Seit einiger Zeit gibt es Befürchtungen, dass den Notenbankern "die Munition ausgegangen" sei. Nachdem sie ihre Leitzinsen auf nahezu null abgesenkt hatten, verfolgten sie extravagante Maßnahmen wie "quantitative Lockerung" und "Forward Guidances". Ob des Nebels, den die Finanzkrise über der Realwirtschaft hat aufziehen lassen, ist es schwierig, eine definitive Bewertung abzugeben, wie gut oder schlecht die Maßnahmen wirklich funktioniert haben. Klar jedoch ist, dass es einen besseren Weg geben muss, die Sache anzugehen.

Es gibt keinen Grund mehr zuzulassen, dass die Nullgrenze bei den Nominalzinsen die Geldpolitik weiterhin behindert. Eine einfache und elegante Lösung wäre eine allmähliche Einführung einer vollständig elektronischen Währung, bei der Zinszahlungen - positive wie negative - lediglich einen Knopfdruck erfordern. Angesichts der Tatsache, dass Papiergeld (besonders große Scheine) wohl mehr schaden als nutzen, ist eine Währungsmodernisierung längst überfällig. Die Notenbanken könnten bei Verwendung einer elektronischen Währung die Inflation weiter genau wie bisher stabil halten. Willem Buiter, Chefökonom der Citigroup, hat mehrere Möglichkeiten vorgeschlagen, um die Beschränkungen von Papiergeld in Angriff zu nehmen, doch es zu beseitigen ist am einfachsten.

Eine zweite Idee ist, Notenbanken ihre Inflationsziele von der heutigen Norm von zwei Prozent auf ein höheres, Niveau von vier Prozent anheben zu lassen - diese Idee wurde in einem Aufsatz vorgeschlagen, dessen federführender Autor IWF-Chefökonom Olivier Blanchard war. Unglücklicherweise könnte sich das Problem, einen reibungslosen und überzeugenden Übergang zu dem neuen Zielwert hinzubekommen, als unüberwindlich erweisen.

Als Blanchard seine Idee in den Raum stellte, war ich fasziniert, aber skeptisch. Zwar hatte ich zwei Jahre zuvor selbst vorgeschlagen, die Inflation für einige Jahre auf vier Prozent oder mehr zu erhöhen, um den Schuldenüberhang abzubauen und Lohnanpassungen zu beschleunigen. Doch besteht ein Unterschied zwischen einer vorübergehenden Erhöhung zur Bewältigung einer Krise und der Freisetzung langfristiger Erwartungen.

Nachdem sie den Menschen zwei Jahrzehnte lang einen Inflationswert von zwei Prozent als Nirwana verkauft haben, würden Notenbanker auf Unverständnis stoßen, wenn sie plötzlich erklärten, sie hätten es sich anders überlegt. Man erinnere sich an die "Tapering-Krise" im Mai 2013, als der damalige Fed-Chef Ben Bernanke mit seinem Eintreten für die Rückführung der quantitativen Lockerung eine deutlich bescheidenere Änderung der Geldpolitik vorschlug. Die Leute könnten fragen, was die Notenbanker, wenn sie ihren langfristigen Zielwert von zwei Prozent auf vier ändern konnten, abhalten sollte, später zu beschließen, dass es fünf oder sechs Prozent sein sollten.

Angesichts der Wahrscheinlichkeit einer verwirrten, misstrauischen Öffentlichkeit ist eine tief reichende Begründung für ein vierprozentiges Ziel schwer zu finden. Das bestehende Inflationsziel von zwei Prozent steht wenigstens für etwas, weil die Notenbanker es als moralische Entsprechung des Nullwertes darstellen können.

Es besteht eine Analogie zu den Problemen, vor denen die Länder standen, die nach dem Ersten Weltkrieg versuchten, den Goldstandard wieder einzuführen. Bis zum Krieg war Geld mit Gold unterlegt und konnte zu einem festen Kurs getauscht werden. Obwohl das System anfällig war für Bankenstürme und kaum Spielraum für geldpolitische Stabilisierungsmaßnahmen bestand, ermöglichte das Vertrauen der Menschen ins System diesem, Erwartungen zu verankern. Unglücklicherweise brach das System 1914 nach Kriegsausbruch zusammen. Die auf Einnahmen angewiesenen kriegsführenden Parteien waren gezwungen, sich auf eine Finanzierung durch die Inflation zu verlegen. Und sie konnten die Währung nicht gleichzeitig entwerten und zu einem festen Kurs mit Gold unterlegen.

Nach dem Krieg versuchten die Regierungen, zum Gold zurückzukehren. Doch dieser wiederbelebte Goldstandard scheiterte, nicht zuletzt deshalb, weil es unmöglich war, das Vertrauen der Öffentlichkeit zurückzugewinnen. Ein Schritt seitens der Notenbanken hin zu einem langfristigen Inflationsziel von vier Prozent droht, dieselbe Dynamik auszulösen.

Zum Glück gibt es eine bessere Methode: Der Schritt zu einer elektronischen Währung würde keine destabilisierende Änderung des Inflationsziels erfordern. Geringfügige technische Probleme ließen sich ausbügeln. Man könnte den normalen Bürgern eine zinslose Transaktionskasse (bis zu einer gewissen Höhe) einräumen. Vermutlich würden die Nominalzinsen nur in Reaktion auf eine tiefe deflationäre Krise negative Werte erreichen.

Bei einer Krise könnten die Notenbanken diese durch geballte Kraft viel schneller überwinden, als das heute möglich ist. Wie ich argumentiert habe, sparen Regierungen schon lange am falschen Ende, indem sie große Scheine herausgeben, da ein großer Teil davon in der Schattenwirtschaft und zur Finanzierung illegaler Aktivitäten verwendet wird. Der Schritt zu einem Währungssystem des 21. Jahrhunderts würde es einfacher machen, auch zu einem Notenbankregime des 21. Jahrhunderts überzugehen. (KENNETH ROGOFF, DER STANDARD, 14.6.2014)

Kenneth Rogoff ist Professor für Ökonomie und Public Policy an der Universität Harvard und ehemaliger Chefökonom des Internationalen Währungsfonds. ©Project Syndicate, 2014. Aus dem Englischen von Jan Doolan.

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