No body is perfect

13. Juni 2014, 18:05
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Tätowieren, verzieren, malträtieren: Die Lust, den Körper ständig zu bearbeiten, scheint unwiderstehlich. Warum empfinden sich so viele Menschen ohne Hautschmuck als unvollkommen?

Was bringt den Menschen dazu, seinen Körper jenseits bedürfnisorientierter Zweckmäßigkeit permanent zu bearbeiten und umzuformen, auf jeden Fall ihn nicht so hinzunehmen, wie er ihm gegeben ist?

Diese Frage stellt sich mit Nachdruck in Anbetracht einer forcierten Körperkultur, in der sich der manipulierte menschliche Körper vor allem durch Tätowierungen, Durchlöcherungen und Verzierungen dem öffentlichen Blick darbietet, aber auch angesichts jener körperbezogenen Umwandlungen, Verstümmelungen und Beschädigungen, wie sie sich in den psychotherapeutischen und psychoanalytischen Praxiszimmern präsentieren. Dazu kommt, dass nicht nur in der prinzipiell körperzentrierten darstellenden Kunst, sondern auch in der bildenden Kunst und in der Literatur der Körper eine beinahe schon aufdringliche Weiträumigkeit für sich in Anspruch nimmt.

Vorherrschaft des Körperlichen

So gibt es vor allem seit den 1990er-Jahren eine Unzahl von Ausstellungen, die explizit oder implizit um dieses Thema herum organisiert sind; nur wenige Veranstaltungen, die sich mit kultur- und kunsttheoretischen Fragen beschäftigen, können sich der Vorherrschaft des Körperlichen entziehen, und für die diversen Kunstzeitschriften ist der Körper in realer oder virtueller Erscheinungsform ein Topos ersten Ranges geworden. Dies ist nicht zuletzt auf die atemberaubende Entwicklung der Medizin, der Gentechnologie, aber auch der Kybernetik, der Elektronik und der Computertechnik zurückzuführen, deren Arbeit an der Vollendung von Künstlichkeit bis hin zum perfekten Homunkulus der Kunst ein willkommenes Dopingmittel zu liefern imstande ist.

Dabei sollte man aber nicht außer Acht lassen, dass das Körperliche und Leibliche grundsätzliche Konstituenten aller kulturellen und künstlerischen Diskurse und Dispositive darstellen. Da der Körper und seine Teile unsere Ur-Objekte darstellen, welche von frühester Kindheit an den späteren Bezug zur Welt entscheidend vorstrukturieren, ist auch jedes Qualitätsurteil ursprünglich mit dem Körper verbunden: zunächst undifferenziert als Lust/Unlust empfunden, dann als gut oder böse erlebt, schließlich, zusammen mit anderen höheren Wertungen, in ästhetische Kategorien gefasst. Es hieße die Kulturgeschichte ausschreiben, wenn es darum ginge, auf die enge Verbindung von Ästhetik und Körper zu verweisen.

Beschäftigung mit dem Körper

So eröffnet sich jenseits der Pflege und der Zweckdienlichkeit ein weites Feld von Versuchen, sich mit dem Körper zu beschäftigen, ihn zu verändern und zu verwandeln: ihn aufzublähen oder zu reduzieren, ihm etwas hinzuzufügen, aber auch ihm etwas zuzufügen und ihn zu malträtieren, von ihm etwas zu entfernen, auf ihn etwas aufzutragen, in ihn etwas einzuschreiben und einzuzeichnen, ihn einzuschneiden oder zu durchbohren und vieles anderes mehr.

Die Disposition für dieses Streben wächst offenbar auf dem Boden einer anthropologischen Gegebenheit, welche auch eine Antwort auf die Frage liefert, was gerade den menschlichen Körper zum prototypischen Träger von Be-Zeichnung prädestiniert.

Besonders die Fötalisationshypothese des niederländischen Embryologen Louis Bolk und die an ihr orientierte philosophische Anthropologie erachtet den Menschen als konstitutionell unreifes Wesen und als Resultat einer Evolutionshemmung. So werden die Haarlosigkeit oder die Schädelwölbung mit untergesetztem Gebiss als Zeichen fixierter Fötalzustände angesehen, was dem menschlichen Neugeborenen mit den Worten des Biologen Adolf Portmann den Status einer Frühgeburt zuweist.

Kultureller Ordnung unterworfen

Eine Folge dieser Frühzeitigkeit ist eine ungenügende Ausstattung, ein Mangel an Instinkten und damit auch ein ursprünglich und grundsätzlich gestörtes Verhältnis des Menschen zur Natur. Ohnmächtig und hilflos ist das Menschenkind nicht nur auf Pflege und Fürsorge, sondern auch auf die Liebe der Eltern bzw. seiner "Nebenmenschen" angewiesen. Damit ist es von Anfang an einer kulturellen Ordnung unterworfen, unter deren Gegebenheiten sich auch sein Ich als Selbstbild und als einheitlicher und abgegrenzter Körper herausbildet.

Alle Lebensäußerungen des Menschen, auch die Reifungs- und Entwicklungsprozesse des Körpers können nicht außerhalb dieses kulturellen Zusammenhangs gedacht werden; von Anfang an ist Ergänzung der Natur durch Kultur notwendig, freilich supplementär und nicht komplementär, eine Verbindung des Natürlichen mit kultureller Zusätzlichkeit, die aber nie zu einem vollständigen Ganzen führt.

Deshalb ist auch der Körper nie ganz, was ihn aber nicht daran hindert, sich ständig vervollständigen zu wollen. In Anbetracht eines notwendigen Misslingens, das nicht hingenommen werden will, kann es aber auch zur Umkehrung kommen, was sich in Verstümmelung, Vernichtung und Zerstörung des Körpers ausdrückt. Daraus ergibt sich wie von selbst, dass in unseren androzentrischen Gesellschaften, in welchen der Mann sich als vollkommen wähnt und dem Weiblichen Unvollkommenheit zuspricht, die Frauen von der Neigung, aber auch vom Zwang zur Körpermanipulation stärker betroffen sind.

Meinungen über Wert und Unwert

Wenn wir uns in diesem Zusammenhang jenen körperästhetischen und körpertechnischen Alltagspraktiken zuwenden, welche dauerhafte Veränderungen am Körper bewirken - wie etwa Tätowierungen, Piercings oder diverse chirurgische Manipulationen -, so stellt man fest, dass Meinungen über Wert und Unwert solcher Eingriffe nach wie vor geteilt sind, und man erinnert sich, dass bei Beginn der gegenwärtigen modischen Verbreitung dieser Praktiken Apokalyptiker und Integrationisten einander gegenüberstanden. Darin spiegelte sich aber letztlich nur eine uralte Ambivalenz gegenüber solchen Körperkulturerscheinungen wider.

Denn die ersten schriftlichen Belege zur Sitte des Einschneidens und des Einritzens sind im Pentateuch, den fünf Büchern Mose, als Verbote formuliert, womit sie nicht nur die weite Verbreitung dieser Sitte dokumentieren, sondern auch deren Bezogenheit auf kulturelle Normen und Kodizes markieren: "Für einen Toten dürft ihr keine Einschnitte auf eurem Körper anbringen, und ihr dürft euch keine Zeichen einritzen", heißt es im Leviticus, dem dritten Buch Mose.

Auf der anderen Seite wird auch das Unterlassen von Körperverzierungen geschmäht, was sich besonders dort äußert, wo Körperschmuck zur gesellschaftlichen Norm erhoben wird: "Ein Mann ohne Narbenschmuck gleicht einem Schwein oder Schimpansen", so der Spruch der Bafia aus Kamerun. Oder ein anderer Spruch der Caduveo-Indianer: "Ein unbemalter Körper ist ein blöder Körper."

Ornament ist Verbrechen

Bezogen auf die Vorurteile vom menschenabschlachtenden tätowierten Wilden und vom ebenfalls tätowierten Verbrecher und Degenerierten seiner Zeit wiederum verpönte Adolf Loos Schmuck und Verzierung, um daraus seinen legendären Satz abzuleiten: Ornament ist Verbrechen.

Soziologisch gesehen entsprechen moralisierende Entwertungen oder auch unterschwellige Abwertungstendenzen einerseits und die kulturelle Förderung von Körpermanipulationen und Hautzeichnungen bis hin zu bestimmten Formen der Körperkunst andererseits den gesellschaftlichen Funktionen, welche solchen signifikanten Einschreibungen zukommen: so zum einen ein selbstbestimmtes Streben nach Identitätsstiftung und Identitätsstärkung, zum anderen und dazu gegensätzlich die fremdbestimmte Ausgrenzung und Diffamierung.

Gerade das, was von Skeptikern der Tätowierung als Begründung ihrer Abneigung vorgebracht wird, dass solche Körperverzierungen dauerhaft sind und dass man sich somit ihrer nicht mehr entledigen könne, wird von ihren Befürwortern als Motiv ihrer Passion ins Treffen geführt. Als Verheißung, dem Menschen in einer gleichmachenden Gesellschaft zu einer Identität zu verhelfen, fördert die Popularisierung des Hautbildes paradox seinen Massenkonsum. Hinter dieser Gesellschaftskritik ist aber leicht ein Konformismus mit einem Zeitgeist auszumachen, der von der Widersprüchlichkeit einer postindustriellen Konsumgesellschaft geprägt ist. Die Einzigartigkeit des Individuums wird zur kollektiven Norm und zur Massenidentität, wobei gerade die Körperzeichen den Subjekten den Stempel eines vergesellschafteten Individualismus aufdrücken und sie gleichzeitig vor Identitätsverlust und vor einem Verschwinden in eine postmoderne Beliebigkeit schützen sollen.

Verweis auf die Instanz der Kultur

Damit zeigt sich in einer Epoche, in der der Niedergang des Politischen zugunsten des Ökonomischen zu sozialer Unsicherheit und zu labilen und flexiblen Identitäten führt, jene Funktion der Hautmarkierung besonders deutlich, die ihr immer schon ursprünglich war: Hautmarken verweisen stets auf die Instanz der Kultur und des gesellschaftlichen Erkennens und kennzeichnen somit den subtilen Eintrag des Gesetzes auf den individuellen Körper. Somit stehen sie im Dienste jener Bemühung, die Grenze zwischen Natur und Kultur stets aufrechtzuerhalten (der französische Anthropologe Claude Lévi-Strauss). Mit dem und durch den Körper wird das Spiel der symbolischen Ordnung, die die menschliche Kultur konstituiert, in Szene gesetzt. Insofern könnte man die Zeichnung des Körpers mit einer Münzprägung vergleichen, die das Metall in Umlauf bringt und es im Kurs hält.

Wenn mit der Gründung der großen Staaten in Europa und mit der Etablierung bürgerlicher Gesellschaften die Körperzeichnung als allgemeine Praxis verschwindet, so besteht sie als Stigmatisierung, assoziiert mit Gewalt, Verbrechen und sexuellen Abnormitäten und verbunden mit Entsubjektivierung, Enteignung, Diffamierung und Kriminalisierung, bis in das 20. Jahrhundert fort. Und noch 1976 konnte man in einer juridischen Dissertation lesen, dass "Tätowierungen in der Regel ein Indiz für kriminelles Verhalten sind".

Idealisierender Diskurs

Gegenüber diesem moralisierenden Diskurs über die Hautmarkierungen, der in seiner medizinisch-juridischen Fassung mit dem italienischen Gerichtspsychiater Cesare Lombroso in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen Höhepunkt erreichte, hatte sich aber auch ein idealisierender Diskurs errichtet, dessen Beginn auf die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts verweist. 1774 brachte nämlich der Weltumsegler James Cook einen tätowierten Eingeborenen aus der Südsee nach Europa, um ihn hier zur Schau zu stellen.

Gleichzeitig wurde die Bezeichnung "Tattaw" für den aufsehenerregenden Körperschmuck eingeführt, wodurch alle vorher üblichen Bezeichnungen für den Hautstich verdrängt wurden. Während körperverzierte Menschen aus fremden Kulturen schon vorher Objekte mit Jahrmarktcharakter darstellten, wurde mit der Präsentation des tahitianischen Prinzen Omai und seiner Tätowierung die Bedeutung der Hautmarkierung neu gefasst: als Zeichen eines Exotismus, der im Bild einer unberührten tropischen Insel sowohl eine Vision von Utopia lieferte als auch ein archaisches Urbild des Menschen, das die Spätaufklärung dem vom Absolutismus geknechteten Bürger entgegenstellen wollte.

Unter solchen Prämissen stehend und ungeachtet der gleichzeitigen Diffamierung von Tätowierten entwickelte sich im späten 19. Jahrhundert die Tätowierung zu einer bis zum Ersten Weltkrieg dauernden Modeerscheinung, die in die Kreise der feinen Gesellschaft hineinreichte. Mit dem Aufkommen einer neuen "Sittlichkeit" gewann allerdings die negative Konnotation der Tätowierung wieder die Oberhand, bis schließlich ab dem Jahre 1938 die meisten Tätowierten den nationalsozialistischen Säuberungsaktionen zum Opfer fielen. Zusammen mit der in den Vernichtungslagern praktizierten Tätowierung als Buchführungsmethode findet sich hier sicherlich das schwärzeste Kapitel in der Geschichte der Hautmarkierungen.

Inkarnation der Libido

Schließlich sei noch auf die den Hautmarkierungen innewohnende erotische Funktion hingewiesen. In dieser Perspektive sah der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan in Körperverzierungen und Tätowierungen einen Akt, der mit der Einschreibung eines irrealen Organs eine Inkarnation der Libido zum Ziele hat. In Anlehnung an Bemerkungen Freuds schlägt Lacan vor, die Libido im Sinne eines reinen Lebenstriebes nicht als ein Kräftefeld, sondern als ein irreales Organ zu betrachten.

Dazu heißt es: "Die Libido ist also das Organ, das für das Verständnis der Natur des Triebes unverzichtbar ist. Dieses Organ ist irreal. Es ist irreal, aber keineswegs imaginär. Irreal heißt per definitionem nur, dass hier eine Art Verbindung mit dem Realen besteht, die wir nicht fassen können, womit die Notwendigkeit einer mythischen Darstellung gegeben ist (...). Die Tatsache, dass es irreal ist, hindert aber das Organ nicht, sich zu inkarnieren. Ich gebe Ihnen sofort das materielle Beispiel dafür: Eine der ältesten Formen der Inkarnation eines irrealen Organs ist die Tätowierung, das Einritzen der Haut. Dieses Einschneiden ist im eigentlichen Sinn für das Andere. Es situiert das Subjekt, markiert den Ort, der diesem im Verhältnis zum Einzelnen wie im Verhältnis zur Gemeinschaft zukommt. Gleichzeitig wird damit ganz offensichtlich eine erotische Funktion erfüllt, die jeder kennt, der mit ihrer Realität in Berührung kam."

Als eines der eindrucksvollsten Beispiele, welche auf den erotischen Gehalt der Hautbilder verweisen, kann Yoichi Takabayashis Film Irezumi - Die tätowierte Frau (Japan 1981) gelten. Eingebettet in verschiedene Erzählstränge vollzieht sich die Wandlung einer jungen Frau, die sich auf Wunsch ihres zukünftigen Ehemannes von einem alten Meister tätowieren lässt und dabei zu einem neuen Körper- und Selbstbewusstsein gelangt. Dafür ist die ungewöhnliche Praxis des Künstlers von besonderer Bedeutung.

Vereinigung von Lust und Schmerz

Seine einzigartige und zu seinem Ruhm beitragende Methode beruht nämlich in einer Tätowierung auf dem Prinzip der Vereinigung von Lust und Schmerz, weshalb er seine ganze Kunst nur dadurch entfalten kann, dass die Frau während des Hautstichs in den Armen eines Mannes liegt und die Liebe empfängt. Damit erweist sich die Tätowierung als ein musterhaftes Beispiel für die verschiedenartigsten Versuche, an das reale Genießen des Körpers heranzukommen. Über die Auseinandersetzung mit ihrem Fetischcharakter eröffnet sich dann auch ein tieferes Verständnis für die obskure Welt der Perversion. (DER STANDARD, 14.6.2014)

foto: newald
August Ruhs ist Facharzt für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin sowie Psychoanalytiker. Er ist Vorsitzender des Wiener Arbeitskreises für Psychoanalyse und der Neuen Wiener Gruppe/Lacan-Schule und war bis 2011 stellv. Leiter der Univ.-Klinik für Psychoanalyse und Psychotherapie der Medizinuniversität Wien. Er lehrt an der Uni Wien und der Medizinuniversität Wien.
  • "Von Anfang an ist Ergänzung der Natur durch Kultur notwendig": der als  "Schachbrettmann" bekannt gewordene US-Amerikaner Matt Gone.
    foto: reuters/silva

    "Von Anfang an ist Ergänzung der Natur durch Kultur notwendig": der als "Schachbrettmann" bekannt gewordene US-Amerikaner Matt Gone.

  • "In Gesellschaften, in welchen sich der Mann als vollkommen wähnt und  dem Weiblichen Unvollkommenheit zuspricht, sind die Frauen von der  Neigung, aber auch vom Zwang zur Körpermanipulation stärker betroffen":  "Vampirfrau" Maria José Cristera aus Mexiko.
    foto: reuters/acosta

    "In Gesellschaften, in welchen sich der Mann als vollkommen wähnt und dem Weiblichen Unvollkommenheit zuspricht, sind die Frauen von der Neigung, aber auch vom Zwang zur Körpermanipulation stärker betroffen": "Vampirfrau" Maria José Cristera aus Mexiko.

  • Körperschmuck in der austronationalen Variante: Ein Teilnehmer einer  "Wahlparty" der FPÖ für den EU-Wahlkampf in Linz zeigt am  1. Mai seinen  in den Rücken eintätowierten Bundesadler.
    foto: apa/zak

    Körperschmuck in der austronationalen Variante: Ein Teilnehmer einer "Wahlparty" der FPÖ für den EU-Wahlkampf in Linz zeigt am 1. Mai seinen in den Rücken eintätowierten Bundesadler.

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