RBI-Chef: "Stehen vor einer Mammutaufgabe"

Interview13. Juni 2014, 17:53
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Die Raiffeisen Bank International muss statt wie geplant 450 rund 600 Millionen Euro sparen, sagt Bankchef Karl Sevelda

STANDARD: Sie haben Kanzler und Finanzminister wegen der Hypo-Gläubigerrasur scharf kritisiert. Wie war deren Reaktion?

Sevelda: Es gab keine. Wir werden jedenfalls noch einiges unternehmen, damit dieses Gesetz so nicht beschlossen wird.

STANDARD: Sie sind seit einem Jahr RBI-Chef, eigentlich wollten Sie in Pension gehen. Inzwischen ist die Russland-Ukraine-Krise ausgebrochen, Russland ist der größte Gewinnbringer der RBI, die Bank in der Ukraine können Sie nun doch nicht verkaufen. Bereuen Sie Ihre Entscheidung schon?

Sevelda: Überhaupt nicht. Ich hatte ja auch positive Erlebnisse. Die Kapitalerhöhung war sehr positiv, eine gewisse Genugtuung war es auch, dass wir die 1,75 Mrd. Euro PS-Kapital zurücküberweisen konnten ...

STANDARD: Um das zu dürfen, mussten Sie aber zuvor Ihre Berufung gegen den JRAD-Bescheid der Aufsicht zurückziehen, der Ihnen 13,77 Prozent Eigenkapital vorschreibt. Das war wohl weniger Genugtuung?

Sevelda: Politik ist die Kunst des Möglichen. Mit den 13,77 Prozent sind wir auf einem Niveau, das nicht völlig aus der Welt ist und auch für vergleichbare Banken gilt.

STANDARD: Trotzdem haben Sie sich gegen den Bescheid gewehrt. Und es geht nicht um Politik, sondern ein Verwaltungsverfahren.

Sevelda: Wir haben uns gegen die Berechnungsmethode der Aufsicht gewehrt und uns mit ihr geeinigt.

STANDARD: Sie sagen, der Ukraine-Konflikt sei keine existenzielle Gefahr, aber Russland bringt der RBI fast die Hälfte des Gewinns.

Sevelda: Russland bleibt ein Kernmarkt, aber wir wollen Bedeutung und Ertragsanteil der anderen Länder steigern, etwa den Polens.

STANDARD: Dort erzielt die RBI eine Eigenkapitalrendite von 3,7 Prozent, in Russland mehr als 30 Prozent.

Sevelda: Eben. Für Polen erwarte ich mir eine massive Verbesserung der Ertragslage. In Rumänien und in Tschechien, wo wir 2013 eine IT-Fehlinvestition abschreiben mussten, wird es heuer besser, Kroatien, Serbien und Bosnien liegen bis jetzt über Budget. Auch Österreich wird besser, auch wenn wir hier unter der einen oder anderen Großpleite leiden. In der Ukraine werden wir heuer sicher einen Verlust schreiben; 2013 haben wir dort 100 Millionen Euro verdient.

STANDARD: Auch das Risiko steigt wegen der Ukraine, Sie rechnen für heuer insgesamt mit 1,3 bis 1,4 Milliarden Euro an Wertberechtigungen. Wie stemmen Sie das?

Sevelda: Unter anderem, indem wir sparen. Wir haben die Ziele für unser Kostensenkungsprogramm verschärft.

STANDARD: Sie wollten bis 2016 rund 450 Millionen Euro einsparen. Das wird jetzt mehr?

Sevelda: Ja. Aus jetziger Sicht wollen wir knapp 600 Millionen Euro einsparen.

STANDARD: Sie sind Herbert Stepic gefolgt, der über exzellente Kontakte in den RBI-Märkten verfügt. Er ist noch bis Juli angestellt; wie kommen Sie ohne ihn zurecht?

Sevelda: Er bleibt Berater und hilft mir sehr - aber die wesentlichen Kontakte nehme jetzt ich wahr. Ich habe den ukrainischen Präsidenten Poroschenko getroffen, hoffe, Putin bei seinem Besuch in Wien treffen zu können. Immerhin ist Raiffeisen der größte österreichische Investor in Russland.

STANDARD: Sie sind ja auch ein sehr politischer Mensch. Wie sehen Sie Putin?

Sevelda: Vielleicht sagen Sie jetzt, ich baue mir eine moralische Brücke. Natürlich ist die russische Demokratie nach unseren Standards nicht mit der westlichen zu vergleichen. Aber man muss auch zur Kenntnis nehmen, dass Putin Ordnung in Wirtschaft und ins politische System gebracht hat. Für die Wirtschaft hat er ein Umfeld geschaffen, das westlichen Unternehmen Investitionen ermöglicht und in etlichen Bereichen liberaler ist als in einigen EU-Ländern. Sehr viele EU-Länder schauen, dass möglichst viel Gewinn der ausländischen Unternehmen im Land bleibt; in Russland hatten wir nie ein Problem mit dem Dividendentransfer. Was das Politische betrifft, haben die Russen andere Erwartungen als wir. Ich glaube, Putin würde dort auch gewählt, wenn es, zum Beispiel, mehr Medienfreiheit gäbe. In Mitteleuropa hätte ein Politiker wie er wenig Chancen, gewählt zu werden.

STANDARD: Um die Rückzahlung des PS-Kapitals haben Sie seit Februar gerungen; die 14,2-Prozent-Kapitalquote, die Ihnen die Aufsicht vorgeschrieben hat, haben Sie auch durch neue Bilanzierungsregeln erreicht ...

Sevelda: Der Großteil ist aber der Kapitalerhöhung zu verdanken; zum Schluss ging es nur noch um drei oder vier Basispunkte.

STANDARD: Warum fühlen sich Österreichs Banker immer so verfolgt von der Aufsicht?

Sevelda: Also, ich persönliche habe exzellente Beziehungen zu FMA und Nationalbank und sehr viel Verständnis für die Haltung der Aufseher. Ich meine auch, dass die Kapitalausstattung der Banken in der Vergangenheit unzureichend war; das hat uns die Krise 2008 und 2009 ja deutlich vor Augen geführt. Ich sehe auch die Europäische Bankenunion sehr positiv.

STANDARD: Bei der EZB wird man nicht mehr anrufen können wie in der OeNB.

Sevelda: So läuft es bei uns ja auch nicht.

STANDARD: Sie rufen nicht in der Aufsicht an?

Sevelda: Doch, ich frage auch: "Was ist? Was wollt ihr da von uns?" Aber das heißt ja nicht, dass die Aufseher machen, was wir wollen, die sind sehr professionell. Wir wehren uns dann, wenn die Aufsicht päpstlicher ist als der Papst. Die Verkürzung der Übergangsfristen für Basel III samt Erhöhung der Eigenkapitalquoten von vier auf zehn Prozent für Österreichs Banken, die haben wir nicht verstanden. Heute wissen wir, dass der Kapitalmarkt das den Banken sowieso abverlangt hat, die Aufsicht hat die Entwicklung nur vorweggenommen.

STANDARD: Zehn Prozent reichen aber auch nicht mehr.

Sevelda: Stimmt, wir werden höhere Quoten brauchen, die Diskussion der Aufseher geht in Richtung elf, zwölf Prozent. In Zentral- und Osteuropa gehen die Quoten heute schon bis 19 Prozent. Für die Sicherheit der Wirtschaft und die Bonität der Banken ist das natürlich gut, aber bei der Profitabilität stehen wir vor einer Mammutaufgabe.

STANDARD: Die Stresstests der EZB sind gerade im Laufen. Angst vor dem Ergebnis?

Sevelda: Nein. Obwohl der Stresstest sehr streng ist, bei Russland ist die Annahme, dass die Wirtschaft in den nächsten drei Jahren 18 Prozent verliert. Das Gute daran: Wenn man den Test bestanden hat, ist man wirklich sicher. Wenn nicht, muss man binnen neun Monaten mehr Eigenkapital bilden. Auch das würden wir schaffen. (Renate Graber, STANDARD, 14.6.2014)

Karl Sevelda (64) führt seit einem Jahr die Raiffeisen Bank International, die in 15 Ländern Osteuropas aktiv ist. Seine Laufbahn begann in der Creditanstalt, 1998 wechselte er in den Raiffeisen-Sektor. Er war Mitbegründer des Liberalen Forums.


  • Nach Rückziehung einer Berufung gegen einen Aufsichtsbescheid durfte die RBI ihr Staatskapital retournieren. RBI-Chef Karl Sevelda dazu: "Politik ist die Kunst des Möglichen."
    foto: standard hendrich

    Nach Rückziehung einer Berufung gegen einen Aufsichtsbescheid durfte die RBI ihr Staatskapital retournieren. RBI-Chef Karl Sevelda dazu: "Politik ist die Kunst des Möglichen."

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