In diesem Haus gibt es Liebe genug

16. Juni 2014, 10:00
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Das italienische Schriftstellerpaar Rita Monaldi und Francesco Sorti lebt am Wiener Stadtrand ganz ohne elektromagnetische Schwingungen

Rita Monaldi und Francesco Sorti leben am Stadtrand von Wien. Hier wohnt das italienische Schriftstellerpaar, wie es meint, ohne elektromagnetische Schwingungen. Wojciech Czaja war zu Besuch und staunte.

"Warum wir hier wohnen, hat einen Grund: Wir haben eine sehr starke Überempfindlichkeit gegenüber elektromagnetischen Feldern. Das kann von Handymasten, Postämtern, Straßenbahnlinien, Ordinationen, Büros und starker elektrischer Tätigkeit bei den Nachbarn kommen. Wie sich das äußert? Wir leiden dann unter sämtlichen körperlichen Beschwerden - von Fieber bis hin zu recht heftigen Kopfschmerzen. Außerdem liegt dann unser Immunsystem darnieder.

foto: lisi specht
Mit einem Hang zur Vergangenheit: Rita Monaldi und Francesco Sorti haben sich ihren Traum eines Zuhauses ohne Elektromagnetismus erfüllt. 

Früher haben wir im achten Bezirk in einer schönen Altbauwohnung gelebt. Um die Strahlungen zu reduzieren, haben wir die Wohnung mit Grafitmatten ausgekleidet, doch der Elektromagnetismus war irgendwann nicht mehr auszuhalten. Da man in der Stadt nur schwer eine Wohnung findet, die frei von Schwingungen ist, haben wir beschlossen, an den Stadtrand zu ziehen. Hier hält sich der Elektromagnetismus in Grenzen. Wir haben wohl ein Dutzend Häuser und Grundstücke besichtigt und auspendeln lassen. Doch hier - eine Parzelle am Stadtrand, kurz vor den Weinbergen - hat es geklappt. Kein Elektromagnetismus weit und breit! Unsere Beschwerden haben endlich ein Ende.

Beim Bau des Hauses haben wir selbstverständlich darauf geachtet, dass das auch so bleibt. Das gesamte Gebäude - 250 Quadratmeter Nutzfläche - besteht aus Hochlochziegeln, die aus Heilerde gebrannt sind. Bis auf den Keller gibt es keinen Beton und keinen Stahl, denn der hätte das Haus in einen Faraday'schen Käfig verwandelt. Dann wäre die ganze Arbeit umsonst gewesen. Dafür besteht das Kellergeschoß nun aus Kunststofffaserbeton.

Sogar die Decke besteht aus Ziegeln. Das sind spezielle Hängeziegel, die zwischen Holzbalken eingehängt werden. Ein schönes System mit einem schönen Relief. Das Ganze nennt sich Toskana-Decke. Außerdem kommt das Haus ganz ohne Wärmedämmung aus - Plastik und Styropor sind für uns ein absolutes No-Go. Wie schrecklich! Dafür sind die Wände außen und innen mit atmungsaktivem Lehm verputzt. Den Arbeitern jedenfalls hat der Bau Spaß gemacht. Sie haben davon geschwärmt, dass sie noch nie eine so einfache, aber in sich schlüssige Baustelle abgewickelt hatten. Ein schönes Kompliment, nicht wahr?

Ein wichtiger Punkt war natürlich die Strominstallation und die gesamte Verkabelung des Hauses. Aufgrund unserer Überempfindlichkeit haben wir eine sogenannte abgeschirmte Stromanlage einbauen lassen. Das sind spezielle, mit Gummi überzogene Kabel, die keinen Elektromagnetismus emittieren. Ja nicht einmal mit einem Suchgerät findet man die!

Abgesehen davon sind wir, wie man unschwer sieht, Freunde des Alten. Einige Materialien wie zum Beispiel die Kacheln im Vorzimmer stammen aus alten Abbruchhäusern. Die Fenster- und Türgriffe haben wir bei einem Altwarenhändler gekauft. Auch die Möbel sind alle alt - oder zumindest altmodisch, meist Biomöbel aus der Toskana und aus der Provence. Viele alte Stücke haben wir eigenhändig restauriert. Es war unendlich viel Arbeit, zumal wir das gesamte Haus allein geplant haben. Insgesamt hat sich der Bau über mehr als drei Jahre gezogen - von 2006 bis 2009.

Wir sind sehr glücklich mit dem Resultat. Die Gesundheit dankt es uns auch. Es ist ein Leben mit der Geschichte, ein Leben mit der Vergangenheit. Und in gewisser Weise kann man das Haus lesen, so wie ein von uns geschriebenes Buch. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass wir keine elektromagnetischen Schwingungen aushalten, ist dieses Symptom doch eine gewisse Kritik an der Gegenwart. Völlig zu Recht! Moderne Architektur ist für uns wie ein Mangel an Liebe. In diesem Haus aber gibt es Liebe genug." (DER STANDARD, 14.6.2014)

Rita Monaldi und Francesco Sorti sind ein italienisches Ehepaar, das historische Romane verfasst. Monaldi (49) studierte Philologie, Sorti (50) Musikwissenschaften. Beide arbeiteten als Journalisten, u.a. für L'Independente, Il Giornale, Il Mondo und Il Tempo, wo sie sich auch kennenlernten. Ihr erstes Buch, "Imprimatur", das unangenehme Geheimdokumente eines seliggesprochenen Papstes des 17. Jahrhunderts behandelt, wurde in Italien boykottiert. Seitdem leben sie im Exil in Wien. Kürzlich erschien ihr neuntes Buch "Die Reform des Salaì" über das Leben des Leonardo-da-Vinci-Schülers Salaì (Aufbau-Verlag).

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