Verkannter Fürstenkitsch

13. Juni 2014, 19:09
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Route eines Fürstenmöbels: vom Dorotheum in Wien über Paris zu Sotheby's nach London

Sensationeller Erfolg und "fulminanter Abend", geizte das Dorotheum am 28. Februar 2012 nicht mit Superlativen, als der Nachlass Franz-Ulrichs, des 2009 verstorbenen elften Kinsky-Fürsten versteigert worden war. Die Verkaufsquote belief sich auf stolze 96 Prozent und statt erwarteter 500.000 (untere Schätzwertsumme) summierten sich die Besitzerwechsel auf 1,74 Millionen Euro (inkl. Aufgeld).

Den höchsten Zuschlag notierte man bei netto 130.000 Euro (Kaufpreis 156.800) für einen auf moderate 20.000-30.000 taxierten und in das 19. Jahrhundert datierten und der Firma Leistler zugeschriebenen Boulle-Tisch. In den Tagen vor der Auktion hatte es um diesen einige Aufregung gegeben, konkret um die offenbar nur schlampig, jedenfalls unzureichend recherchierte Pietra-Dura-Platte. Der Einbringer soll gar gedroht haben, das Möbel zurückzuziehen. Dem Vernehmen nach hielt ihn eine vom Dorotheum zugestandene Verkaufsgarantie davon ab.

Erst beim Aufruf im Auktionssaal war Lot Nr. 102 um Literatur-, Herkunftsangabe (vermutlich Antonio Cioci, Florenz) und Datierung (um 1790) ergänzt worden. Er habe dies gewusst, erklärte der zuständige Experte Alexander Docy damals auf Standard-Anfrage: Jedoch befand er "die Platte als kitschig", wenn auch "besser als das Gestell". Nachsatz, den Endpreis regle ohnedies der Markt. Am 9. Juli in London vielleicht?

Dort gelangt das exquisite Möbel nun im Zuge des Sotheby' s-Treasures-Sale mit einer moderat bemessenen Taxe (umgerechnet 185.000-307.000 Euro) nun neuerlich zur Versteigerung: mitsamt überraschend kompletter historischer Dokumentation, die teils vom einstigen Käufer und jetzigen Einbringer - ein Pariser Kunsthändler - sowie von Sotheby's-Experten recherchiert wurde.

Demnach fand man über Akten im Archivio di Stato in Florenz nicht nur eine detaillierte Beschreibung der Pietra-Dura-Platte, alle Namen der involvierten Kunsthandwerker (Damiano Jacupucci, Francesco Stradi, Antonio Gianvitter, Francesco Pucci, Giovanni Battista Soldi) und die exakte Datierung (1793), sondern auch den Auftraggeber: niemand geringerer als Ferdinand III. aus dem Hause Habsburg-Lothringen (1769-1824), Großherzog der Toskana sowie Kurfürst von Salzburg (1803-1806) und Großherzog von Würzburg (1806-18-14). Im Herbst 1793 war "Principe Ulrico Kinshij" (1749-1797) das Geschenk geliefert worden.

Und die Tischkonstruktion? Diese stammt von einem gewissen Anton Staudinger, ein 1828 in der Wiedner Hauptstraße angesiedelter Tischlermeister, der für seine Boulle-Kreationen zu einiger Berühmtheit gelangt und von einem späteren Kinsky-Fürsten beauftragt worden war. Den zugehörigen Stempel entdeckten die Sotheby's Experten an der Innenseite des "Gestells"-Rahmens. (Olga Kronsteiner, Album, DER STANDARD, 14./15.6.2014)

  • Nunmehr legendärer Kinsky-Tisch.
    foto: sotheby`s

    Nunmehr legendärer Kinsky-Tisch.

  • Die um 1850 datierte Tischkonstruktion stammt von dem für seine erlesenen Boulle-Kreationen bekannten Wiener Tischlermeister Anton Staudinger. Seine Firmenmarke entdeckten Sotheby's-Experten an der Innenseite des Rahmens.
    foto: sotheby`s

    Die um 1850 datierte Tischkonstruktion stammt von dem für seine erlesenen Boulle-Kreationen bekannten Wiener Tischlermeister Anton Staudinger. Seine Firmenmarke entdeckten Sotheby's-Experten an der Innenseite des Rahmens.

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