Es kann nicht nur um Messi gehen

13. Juni 2014, 14:50
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Mit Argentinien betritt Sonntag einer der großen Favoriten die Bühne. Zum Auftakt der Gruppe F kommt Bosnien-Herzegowina, dem WM-Neuling, die Ehre zu, der Albiceleste auf den Zahn zu fühlen

Es war eine Laune der Auslosung, dass ausgerechnet Argentinien am Sonntag das erste Spiel im Maracanã bestreiten darf. In Rio hätten sie lieber andere Südamerikaner, nämlich die eigenen gesehen. Der Auftakt wurde jedoch nach São Paulo vergeben. Mit ein bisserl Pech müssen die Cariocas, so heißen die Einwohner Rios, bis zum Finale warten, was wiederum ein großes Glück wäre. Die beiden Städte sind Dauerrivalen. Die Paulistanos behaupten, sie seien die Fleißigen, die anderen die Faulen. Die Cariocas wiederum finden São Paulo schlicht hässlich.

Brasilianer und Argentinier, so eine andere Geschichte, pflegen auch keine Liebschaft, ganz sicher nicht im Fußball. Der Vergleich mit dem Verhältnis zwischen Deutschland und Österreich ist zu einfältig, weil Brasilien und Argentinien quasi beide Deutschland sind.

An der Copacabana treffen einander die Fans friedlich, die einen tragen blau-weiß gestreifte Dressen, die anderen gelbe, alle trinken Bier. Die Rückennummern sind ident, es ist jeweils die zehn. Die Originale heißen Lionel Messi und Neymar, die ja gemeinsam für Barcelona in Rot-Blau spielen.

Die andere Mannschaft im Maracanã ist Bosnien-Herzegowina, der Underdog, der einzige WM-Debütant. Edin Dzeko ist der Topstar, der 28-jährige Stürmer vom englischen Meister Manchester City versorgt die Heimat mit Selfies vom Strand im Teamquartier von Guarujá, vom Mittagessen. Die Nation soll wissen, worum es geht, wie es hier ausschaut.

Es geht übrigens vor allem um Messi. "Immer wenn Messi den Ball hat, muss jemand bei ihm sein", fordert der 59-jährige Teamchef Safet Susic, der den vierfachen Weltfußballer aber nicht in Manndeckung nehmen lassen möchte. "Das wäre dumm, es gibt ja noch zehn andere Argentinier."

Der 21-jährige Muhamed Besic von Ferencvaros Budapest soll Messis Kreise stören. "Ich habe kein Lampenfieber oder Angst, nur weil es gegen Messi geht. Es geht darum, einen Gegner zu stoppen. Ob der nun Messi heißt oder anders, ist egal." Aus Besics Sicht liegen die Stärken der Argentinier ohnehin "in der Defensive". Und Dzeko sagt, was viele in seiner Situation sagen würden: "Wir wollen Geschichte schreiben."

Bub im Bürgerkrieg

Dzeko ist in einem Vorort von Sarajevo aufgewachsen und erlebte den Bürgerkrieg als kleiner Bub hautnah mit. Darüber spricht er nicht gerne. Wie es denn gewesen sei im Krieg, wollte ein Reporter einmal wissen. "Scheiße", sagte Dzeko - und sonst nichts. Mutter Belma, das ist von ihr bestätigt, hat dem zappeligen Sohn irgendwann verboten, zum Kicken zu gehen. "Später schlug eine Bombe auf dem Spielplatz ein, viele Kinder starben an diesem Tag."

"Wir haben mehr als 20 Jahre auf die WM gewartet, es wird wunderbar, nicht nur für uns Spieler, für das ganze Land", sagt Dzeko.

Im Kader steht übrigens auch ein österreichischer Bundesligakicker, Anel Hadzic von Sturm Graz. Der 24-jährige, im defensiven Mittelfeld verwendbare Hadzic wird nicht der Startformation angehören. "Ich hoffe auf ein paar Einsatzminuten." Möglicherweise gegen Nigeria oder den Iran. Hadzic ist in Oberösterreich aufgewachsen, er besitzt die Doppelstaatsbürgerschaft. Als Fußballer wählte er die bosnische. "Nicht jeder kann behaupten, dass seine Teamkarriere bei einer Weltmeisterschaft begonnen hat."

Die Mannschaft praktiziert offensiven Fußball, trägt den Spitznamen "Zmajevi". Das heißt Drachen. Im Mai wurde Bosnien von einer Flutkatastrophe heimgesucht, die Wirtschaft im Land darbt. Am Sonntag tritt die Nationalelf im Maracanã an. Und es geht nicht nur um Messi. (Christian Hackl aus Rio de Janeiro, DER STANDARD, 14.6.2014)

Technische Daten und möglichen Aufstellungen zum Gruppe-F-Match der 20. Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien zwischen Argentinien und Bosnien-Herzegowina:

Gruppe F (1. Runde):

Argentinien - Bosnien-Herzegowina (Sonntag, 24.00 Uhr MESZ, Rio de Janeiro, Maracana, SR noch nicht nominiert)

Argentinien: 1 Romero - 4 Zabaleta, 2 Garay, 17 F. Fernandez, 16 Rojo - 5 Gago, 14 Mascherano, 7 Di Maria - 20 Aguero, 10 Messi, 9 Higuain

Ersatz: 12 Orion, 21 Andujar - 3 Campagnaro, 15 Demichelis, 23 Basanta, 6 Biglia, 8 Perez, 11 Rodriguez, 19 Alvarez, 13 A. Fernandez, 22 Lavezzi

Fraglich: 18 Palacio (Knöchelverletzung)

Teamchef: Alejandro Sabella

Bosnien-Herzegowina: 1 Begovic - 13 Mujdza, 3 Bicakcic, 4 Spahic, 5 Kolasinac - 7 Besic, 8 Pjanic - 20 Hajrovic, 10 Misimovic, 16 Lulic - 11 Dzeko

Ersatz: 12 Fejzic, 22 Avdukic - 2 Vrsajevic, 6 Vranjes, 15 Sunjic, 14 Susic, 17 Ibricic, 18 Medunjanin, 21 Hadzic, 9 Ibisevic, 19 Visca

Fraglich: 23 Salihovic (Oberschenkelprobleme)

Teamchef: Safet Susic

  • Edin Dzeko, einst Bub im Bürgerkrieg, ist englischer Meister  und die große Hoffnung von Bosnien und Herzegowina.
    foto: apa/ap/emric

    Edin Dzeko, einst Bub im Bürgerkrieg, ist englischer Meister und die große Hoffnung von Bosnien und Herzegowina.


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