Versuche der Desintegration

Kolumne13. Juni 2014, 20:54
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In einer neuen Haut. Von Julya Rabinowich 

Seit dem Erscheinen meines Erstlings Spaltkopf kämpfe ich mit der unfreiwilligen Repräsentation der erwünschten Integration und deren Vereinnahmungsversuchen. Ich schrieb diesen Roman nicht, weil ich in erfolgreich und nicht erfolgreich integrierte Personen einteilen wollte.

Im Roman - in erster Linie die Abhandlung des Opfers, das durch die eigene Verdrängung des Erlebten selbst zum Täter gerät - ist Migration insofern bestimmend, als die Vergangenheit ungehindert mitreist, auch wenn man sich das Gegenteil weismachen will. Ich erlernte die deutsche Sprache nicht, um mich einem marktkonformen Leistungsprofil anzupassen. Ich erlernte sie, weil sie mir eine Wiedergeburt ermöglicht hatte. Auf der Flucht war ich dabei nicht nur vor dem Russischen, sondern auch vor dem Jüdischen.

Ich pickte mir Bindis aufs Hirn, damit mein Gesicht als exotisch eingestuft werden konnte, ich achtete auf asiatische Kleider- und Haarschnitte. Als ich mir im Sommer Rastazöpfe flechten ließ und braungebrannt, in wallendes Gewand gehüllt bei Rot den Zebrastreifen querte, wurde ich sogar angefaucht, dass Hottentottenverhalten bei mir in Afrika üblich sei, nicht aber am Wiener Parkett. Nichts half. Ich war immer noch ich.

Um all das hinter mir zu lassen, heiratete ich seriös in eine sehr wienerische Familie ein, deren Traditionen mir die neue Haut meiner Wechselbalgidentität ermöglichen sollten. Doch weit gefehlt. Mein Ehemann schien ebenso auf der Flucht vor seiner Vergangenheit zu sein wie ich. Erst reiste er nach Pakistan. Noch vor der Hochzeit zog es ihn nach Mexiko. Bald kehrte er nach einem misslungenen Versuch, dort die Erleuchtung zu finden, wieder in jenes Wien zurück, das meines werden sollte und das er verlassen wollte.

Für die Exotik musste nun etwas anderes herhalten statt der Schamanen, und zwar ich. Ich aber wollte nicht mehr exotisch sein, sondern wienerisch. Wie ungelenke Riesentanker, die im Nebel knapp aneinander vorbeischrammen, verfehlten wir uns im gemeinsamen Wunsch nach Transformation. Partout bestand er darauf, meinen Namen anzunehmen. Ich war strikt dagegen. Seine Familie war wohl nicht very amused. Ich konnte es verstehen, ich war es auch nicht.

Statt keinen Rabinowich gab es plötzlich zwei. Aber nicht zum Preis von einem. Als wir uns scheiden ließen - keiner hatte jene Veränderung gefunden, die wir ersehnt hatten - nahm er seinen Mädchennamen wieder an. "Weißt du," sagte er mir später, "ich bin nie so oft kontrolliert und nach dem Pass befragt worden, wie als ich noch Rabinowich war." Ich dachte, was gewesen wäre, wenn er einen afrikanischen Namen geführt hätte. (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 14./15.6.2014)

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