Hauptfigur im eigenen Leben sein

13. Juni 2014, 20:47
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Zur Wiederveröffentlichtung von Renata Adlers Romandebüt "Rennboot"

Was Sache ist. Das muß man im Auge behalten. Manchmal ist die Sache eigentlich nur, wer was will. Manchmal ist Sache, was richtig ist oder menschenfreundlich. Manchmal ist Sache ein Impuls, ist ein Faktum, eine Eigenschaft, eine Stimme, eine Andeutung, etwas Gesagtes oder Ungesagtes. Manchmal ist Sache, wer im Unrecht ist oder was passieren wird, wenn man nicht sofort handelt. Was Sache ist, ändert sich und kommt aus der Mode. Man kann nicht ewig verfolgen, was Sache ist, oder man verliert das Allereinfachste: eine Hauptfigur im eigenen Leben zu sein."

Was Sache ist, oder wer die Hauptfigur von Renata Adlers 1976 erschienenem Romandebüt Speedboat (dt.: Rennboot, 1979) ist, das ist nicht gleich auszumachen. Im Tonfall knapp und lakonisch, in der Anlage kursorisch und ohne klassische Erzählstruktur, unternimmt die Autorin einen atmosphärisch dichten Befund ihrer Gegenwart. Der Blick auf unterschiedlichste Begebenheiten und Weltgegenden wird in Person einer Ich-Erzählerin gebündelt, die manchmal explizit als solche hervortritt (und Jen Fain heißt), dann wieder auf ein unbestimmtes "wir" umschwenkt oder ganz außen vor bleibt.

Beobachtungen und Kommentare, Milieu- und Stilkritik sind zwischendurch bis aufs Absurd-Aphoristische verknappt. Personen, Motive und Vorsätze ("eines Tages erschieße ich ihn") kehren wieder. Jen erinnert sich an ihre Schulzeit. Sie unternimmt Reisen. Sie verweilt auf Inseln mit gelangweilten Jetset-Cliquen. Sie lebt in einem New Yorker Brownstone-Gebäude, dessen Mieter sich ob der systematischen Entwendung der abonnierten New York Times entzweien. Sie arbeitet für die Zeitung, für die Universität und in Washington "für einen Ausschuß, der sich mit privater und institutioneller Korruption befaßte". Sie unterhält Beziehungen zu Aldo, zu Will und zu Jim, die wie Jen Teil eines Netzwerks sozialer Unverbindlichkeit sind.

Jen Fain ist mit der Autorin nicht identisch, teilt aber manches mit ihr. Renata Adler, als Tochter jüdischer Emigranten 1938 in Mailand geboren und in Connecticut aufgewachsen, studierte in Harvard und an der Sorbonne - unter anderem bei Roman Jakobson und Claude Lévi-Strauss. 1962 begann sie als feste Autorin für den New Yorker zu schreiben - zwischenzeitlich war sie auch Chef-Filmkritikerin der New York Times -, insgesamt war sie rund vier Jahrzehnte für diese publizistische Institution tätig, verfasste Reportagen und Essays, nachzulesen unter anderem im 2001 veröffentlichten Band Canaries in the Mineshaft: Essays on Politics and the Media.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die angriffslustige Trägerin eines heute schlohweißen, imposanten Zopfes mit Gone: The Last Days of the New Yorker, ihrer in Buchform vorgetragenen Kritik an der neuen Führung des Magazins, gerade ins Off katapultiert. Im Vorjahr legte die New York Review of Books nun allerdings Speedboat wieder auf, ebenso Adlers zweiten und vorerst letzten Roman Pitch Dark von 1983 (eine Dreiecksgeschichte, teilweise in Form intensiver Selbstgespräche), und ermöglichte somit die Wiederentdeckung dieser konsequent eigenwilligen Autorin. (Isabella Reicher, Album, DER STANDARD, 14./15.6.2014)

Renata Adler, "Rennboot". Aus dem Amerikanischen von Marianne Frisch. € 20,60 / 241 Seiten, Suhrkamp, Berlin 2014

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