Ein Hoch der Hierarchie

16. Juni 2014, 09:22
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Warum wenig Hierarchie sehr ungesund sein kann

Die Hierarchie hat mit einem miserablen Ruf zu kämpfen. Unsere Eltern verloren ihre Achtung vor ihr im 68er-Jahr, die folgende Generation X setzte auf Selbstständigkeit und Unternehmertum, die technikaffine Generation Y arbeitet heute am liebsten in virtuellen Teams ohne Führung.

Zweifelsohne hatte die Hierarchie lange Zeit ein hässliches Gesicht: über zwanzig hierarchische Ebenen in großen Organisationen, strengstens geregelte Prozesse, die dem Einzelnen wenig Freiraum für Initiative und Kreativität ließen - die Bürokratie feierte mancherorts fröhliche Feste. Diesen Palastorganisationen stellte die Organisationstheorie dann die flexible und flache Zeltorganisation gegenüber.

"Unterwachung" der Führungskräfte

"Don't follow leaders" - Bob Dylans Appell setzte sich durch, stärker, als es der Altmeister jemals zu hoffen gewagt hätte. Empowerment wurde eines der beliebtesten Managementschlagworte und brachte immer mehr Delegation von Verantwortung nach unten.

Dennoch wurde erstaunlicherweise die Gehaltsspreizung immer größer. In modernen Organisationen müssen wir jetzt alle als verantwortliche Akteure auftreten und können uns nur mehr selten auf präzise Anweisungen verlassen. Die "Unterwachung" der Führungskräfte - wie Niklas Luhmann das einst nannte - ist stärker geworden als die Überwachung der Mitarbeiter.

Es regiert der Sachzwang

Macht in Organisationen wird depersonalisiert. Es regieren Sachzwänge, Managementmethoden, Governance-Indizes, Compliance-Regeln und Zertifizierungen. Immer häufiger müssen sich Führungskräfte vor Entscheidungen heute fragen: "Dürfen wir das überhaupt?"

Mancherorts gibt es sie zwar noch, die alten Hierarchen mit ihren Verhaltenspathologien, die Johannes Steyrer vorige Woche in dieser Kolumne so anschaulich beschrieben hat. Selbst deren Einflussmöglichkeiten schrumpfen aber zusehends. Unsere modernen Organisationen werden durch ein feines, unsichtbares Netz dominiert, welches Michel Foucault einst als "Mikrophysik der Macht" bezeichnet hat.

Hierarchie braucht Ehrenrettung

Dabei braucht die Hierarchie dringend eine Ehrenrettung. Nicht nur schrumpfen in flachen Organisationen die Karriereoptionen dramatisch. Das merken etwa Lehrer, die schon bei Berufseintritt mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen können, innerhalb ihres Feldes keine besonderen Optionen mehr vorzufinden bis zur Pensionierung.

Organisationen mit zu flacher Hierarchie verlieren auch Veränderungs- und Innovationsfähigkeit. Dazu braucht es nämlich Fach- und Machtpromotoren, die sich für das Neue begeistern, andere begeistern können und die Verantwortung für ein mögliches Scheitern übernehmen. Dass hierarchiearme Organisationen zur Erstarrung tendieren, lässt sich gut an unseren politischen Parteien und Schulen veranschaulichen.

Schließlich ist eine passende Hierarchie auch unabdingbare Voraussetzung für legitime und stabile Führung. Inspirierendes, intellektuell herausforderndes, vorbildhaftes und die Mitarbeiter wertschätzendes Führungsverhalten ist wiederum das beste Mittel gegen Burnout. Burnout ist nämlich viel weniger eine Folge von Überforderung und Stress als vielmehr von schlechter Führung und mangelnder Wertschätzung. (Michael Meyer, DER STANDARD, 14.6.2014)

Michael Meyer ist Universitätsprofessor für BWL an der WU Wien.

  • Wo ist der Boss?
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