"Sozialer Jetlag" bei Jugendlichen nimmt zu

13. Juni 2014, 13:41
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Der Gebrauch von Smartphones, Fernseher und Computern in den späten Abendstunden kann zu schlechterer Schlafqualität führen 

Neben brisanten Themen wie Essstörungen, häusliche Gewalt, Suizid und dem verantwortungsvollen Umgang mit dem Internet, warnt Reinhold Kerbl, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde, vor einer Zunahme des "sozialen Jetlags" bei Jugendlichen. Vor allem der Gebrauch von Smartphones und Computern in den späten Abendstunde fördert diesen. Kerbl betont die wichtige Rolle der Schulärzte, die häufig der erste medizinische Ansprechpartner ist, den Jugendliche alleine aufsuchen.

Sozialer Jetlag

Von O-Beinen über die Erstversorgung von Platzwunden nach dem letzten Pausengerangel bis hin zu Mobbing, epileptischen Anfällen oder einem homosexuellen Outing - das Tätigkeitsfeld der Schulärzte ist breit. "Schulärzte haben zu Schülern oft ein Vertrauensverhältnis, das über Jahre aufgebaut ist. Der Kontakt zum Schularzt ist meist der erste Arztkontakt ohne Eltern und damit eine Möglichkeit, ganz offen zu sprechen", sagt Judith Glazer, Präsidentin der Gesellschaft der Schulärztinnen und Schulärzte Österreichs. In ihrem familiären Umfeld hätten leider nicht alle Kinder die gleichen Chancen auf einen gesunden Start ins Erwachsenenleben, deshalb sei die Basis Schulärzte an Gesundheitsbildung beim Schularzt essenziell.

Ein relativ neues Problem ergibt sich mit der stark gestiegenen Nutzung von Smartphones - auch zu späten Stunden. "Der soziale Jetlag ergibt sich dann, wenn der individuelle Chronotyp mit den Bedingungen des sozialen Umfelds nicht übereinstimmt", sagt Kerbl. Prinzipiell brauchen Pubertierende mehr Schlaf als Erwachsene. Doch haben Jugendliche ein erhöhtes Risiko für den sozialen Jetlag, weil sich innerhalb weniger Jahre der Zeitpunkt des "midsleep" (Schlafmitte) stark nach hinten verschiebt. Diese Verschiebung scheint einerseits endogen festgelegt, andererseits aber durch verändert Lebensumstände mitbedingt oder zusätzlich gefördert, etwa durch nächtlichen Gebrauch des Mobiltelefons, TV im eigenen Zimmer, Internet aber auch Ausgehen am Wochenende.

Schlafdefizit

Diese "phase delay" führt in weiterer Folge häufig zu einem Schlafdefizit während der Woche, das auch am Wochenende nicht kompensiert werden kann. Daraus resultieren unter anderem Tagesmüdigkeit Leistungsdefizit, aber auch Störungen des psychischen Befindens bis hin zu Depressionen, die sehr ernst genommen werden sollten. "Die meisten Schlafprobleme sind allerdings nicht organisch bedingt, sondern nur vorübergehend", sagt Kerbl. Mit etwa 18 Jahre stabilisiere sich das Schlafbedürfnis wieder. Ein Schulbeginn rund eine Stunde später wäre dennoch für die meisten Schüler ein großer Gewinn, so der Experte.

Er und Kollegen empfehlen, den Tag mit regelmäßigen Ritualen, gewissermaßen "Brücken in den Schlaf" abzuschließen: Etwa direkt vor dem Schlafen noch ein paar Seiten zu lesen oder den Tag mit einem Tagebucheintrag beenden. Auch gedämpftes, warmes Licht im Kinderzimmer könne hilfreich sein. Computer, Smartphones, Fernseher sollten idealerweise mindestens eine Stunde vor dem Schlafengehen abgeschaltet werden. (red, derStandard.at, 13.6.2014)

  • Smartphones sollten idealerweise eine Stunde vorm Schlafengehen weggelegt werden.

    Smartphones sollten idealerweise eine Stunde vorm Schlafengehen weggelegt werden.

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