Sparkurs trotz Rekords im Rabenhof

13. Juni 2014, 12:09
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Gemeindebautheater erreicht 94,5 Prozent Auslastung und kann in der nächsten Saison dennoch nur zwei Premieren anbieten

Wien - Im Wiener Rabenhof Theater geht eine erfolgreiche Saison zu Ende: 82.000 Besucher in 297 Vorstellungen bedeuten die zweithöchste Zuschauerzahl bisher, 94,5 Prozent Auslastung gar einen Rekord. Dennoch kann man für 2014/15 nicht aus dem Vollen schöpfen: Nur zwei große Premieren werden annonciert. Die Erfolgsproduktionen, die heuer 1,3 Mio. Euro Karteneinnahmen bescherten, werden weitergespielt.

"Mit dem Erfolg von heuer decken wir die Miese der vergangenen eineinhalb Jahre ab", gibt Rabenhof-Leiter Thomas Gratzer im Gespräch mit der APA zu. Dass das Vorjahres-Tief (77,9 Prozent Auslastung) überwunden werden konnte, verdankt man drei Cashcows: der Polit-Puppenshow "Bye-bye Österreich!", Andreas Vitaseks "Sekundenschlaf" sowie dem "Ballverlust" von Alfred Dorfer und Florian Scheuba.

Kabarettisten finanzieren Theater

"Die Kabarettisten finanzieren den Theaterbetrieb", bringt Gratzer das Geschäftsmodell des Gemeindebautheaters in Wien-Erdberg auf den Punkt. "Oft wünsche ich mir, ich hätte 400 bis 600 statt nur 291 Plätze." Doch weil man nie weiß, wie lange der Lauf anhält, müssten die Erfolge "'ausgesaftelt' werden. Es wäre geschäftlich vertrottelt, sie nicht weiterzuspielen. Wenn es nicht mehr so läuft, wird es sehr eng."

Drei geplante Musiktheaterproduktionen, eine der Spezialitäten des Rabenhof, "sind in der Pipeline, wurden aber hintangestellt", sagt Gratzer. Überdies sei er auf der Suche nach Koproduktionspartnern, etwa in den Bundesländern. Eines sei jedoch klar: Zu einem Gastspielort für durchreisende Produktionen und Kabarettisten wolle man nie werden. "Der Rabenhof ist keine Abspielhütte." Um aber gewährleisten zu können, dass man sich künftig wieder Produktionen mit sechs Schauspielern und Musikern leisten könne und die überdies nicht auf Basis von Selbstausbeutung sondern zu herkömmlichen Gagen, müsse eine Subventionserhöhung her, fordert Gratzer.

900.000 Euro von Stadt Wien

Derzeit erhält der Rabenhof jährlich 900.000 Euro von der Stadt Wien. "Das ist weniger als die Hälfte von vergleichbaren Bühnen wie Schauspielhaus und brut", merkt der Theaterleiter "bei aller Wertschätzung für die Arbeit der Kollegen" an. "Wir bräuchten zumindest 1,2 bis 1,3 Mio. Euro, um halbwegs seriös über die Runden zu kommen." Immerhin seien Gespräche mit der Stadt Wien aufgenommen worden.

Gratzer will nicht einsehen, warum ein Mitarbeiter einer Off-Bühne per se weniger verdienen soll als im Stadt- und Staatstheater-Bereich und ortet ein Missverhältnis der öffentlichen Finanzierung: "Im Gesamtverhältnis zwischen den dicken, fetten klassischen Kulturinstitutionen und dem Rest stimmt die Balance nicht. Da ist Nachdenkbedarf und Nachholbedarf. Dringend. Es geht um Grundsätzliches. Das gesamte Subventionssystem im Kulturbereich gehört neu aufgesetzt."

Systembedingte Auswüchse

Dieses System habe Auswüchse begünstigt, wie sie nun am Burgtheater ans Tageslicht gekommen seien. "Ich will niemandem kriminelle Energie unterstellen. Aber daran, dass es Leute gegeben hat, die es zu locker genommen haben, die sich für unverwundbar gehalten haben, sieht man die Verschiebung der Dimensionen."

Der Rabenhof wird in der nächsten Saison zwei neue Eigenproduktionen anbieten: Monochrom-Mastermind Johannes Grenzfurthner zeigt ab 16. Oktober in einer One-Man-Show "Schicksalsjahre eines Nerds". Früher seien die Nerds ungeliebte Außenseiter gewesen, "heute beherrschen sie die Welt, wie Beispiele von Steve Jobs bis Edward Snowden beweisen", erklärt Gratzer die neue Bühnentauglichkeit eines früher belächelten, eigenbrötlerischen Menschenschlags. Ab 5. November bieten Christoph Grissemann, Dirk Stermann und "Naked Lunch"-Frontman Oliver Welter "Für die Eltern was Perverses". Gratzer: "Wir wissen noch nicht, was es wird - ein spannender Weg bis zur Premiere wird es jedenfalls."

"Bye-bye Österreich!" wird ab 19. September mit neuen Puppen von Conchita Wurst bis zu den Ministern Klug, Kurz und Mikl-Leitner ergänzt. Ferry Öllinger kommt mit Gerhard Haderers "Der Herr Novak" von Linz nach Wien. Der Literatursalon im Gemeindebau wird ebenso fortgesetzt wie der Protestsongcontest. Und auch feine Produktionen wie "6 Österreicher unter den ersten 5", "Hafen Wien" und "Das bin doch ich" werden wieder aufgenommen.

"Ich bin nicht amtsmüde. Der Rabenhof ist auch nach zehn Jahren attraktiv - für Künstler und Zuschauer", versichert der 1962 geborene Theaterleiter. Seine Bühne sieht er heute allerdings weniger im Off-Bereich als im Segment "alternative Mainstream" angesiedelt: "Der Rabenhof ist Popkultur." (APA, 13.6.2014)

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