Heiler und Gentleman

13. Juni 2014, 20:12
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Mitreißend: Der tschechische Schriftsteller Martin Rysavý über seinen Roman "Dimitrij der Heiler" und die endlose Geschichte der absurden postkommunistischen Transformationen. Von Julya Rabinowich

Von Wien über Prag bis nach Sibirien: scheinbar ein weiter Weg, der aber magisch kurzweilig sein kann. Prag nimmt gerade in Bezug auf das Magische sowieso eine Art Sonderstatus ein. Hier entstand der Golem, der in meinem Roman Die Erdfresserin eine zentrale Rolle spielt, hier habe ich schon allein deswegen viel Zeit verbracht, um zu recherchieren.

Hier gab es auch ein ganzes Gässchen voller Alchemisten, die, nachdem sie furios an dem Stein der Weisen gescheitert waren, von schnöden Goldschmieden verdrängt wurden. Sogar Kafka lebte kurzfristig in jenem Goldenen Gässchen, der Zlatá ulicka, wenn auch nicht mit dieser Art der Obsession beschäftigt. Die Suche nach der Transformation spielt auch eine zentrale Rolle im Gespräch mit Martin Rysavý.

Geboren 1967 in Prag, arbeitet der Schriftsteller, Drehbuchautor und Regisseur auch als wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Regie und Dramaturgie der Akademie der musischen Künste.

Rysavý schreibt mitreißend, lacht mitreißend, erzählt mitreißend.

Binnen fünf Minuten stellen wir fest, dass es Parallelen zu meinem Exmann zu geben scheint: Suchte Rysavý die Erleuchtung in Sibirien, hatte der andere diese in Mexiko vermutet. Der Exmann hatte nichts gefunden bis auf einen See mit einer Insel voller Affen, in dem er zu ersaufen drohte, hätte ihn ein mitleidiger Bauer, der zufällig vor Ort war, nicht gerettet.

Der Autor begegnete in Sibirien auch nicht jener Transzendenz, die ihn durch Einöden und Städte auf der Jagd nach den echten Schamanen getrieben hatte. Die Schamanen hielten sich leider bedeckt, dafür stieß er aber auf andere Suchende: Moskauer Schauspieler und Regisseure, ebenfalls Reisende in Sachen Transformation. Ob auch Fliegenpilze - in Viktor Pelewins Werk eine unabdingbare Angelegenheit für das Jenseitige - in die Suche integriert waren, ist nicht bekannt.

Die Transformation, ob mit Pilzen oder ohne sie, war jedenfalls jahrelang ein großes Thema im russischen Avantgarde- und noch mehr im Kellertheater. Aus der unbeabsichtigten Begegnung entstanden zwei Romane, beide ausgezeichnet mit dem hochkarätigen tschechischen Magnesia-Litera-Preis. 2008 Reisen nach Sibirien (Cesty na Sibir ) und 2010 Dimitrij der Heiler (Vrac). "Vrac" leitet sich von "vracevat" ab, was so viel wie besprechen im Sinne von beschwören bedeutet. Eine gelungene Heilung ist eine Ganzwerdung, die man auch schamanistisch anlegen kann. Oder politisch. Oder theatralisch. Womit wir bereits mitten im Roman wären, denn in dem aberwitzigen Monolog, der nur ab und zu von rhetorischen Fragen unterbrochen wird, die keine Beantwortung implizieren und dieser Beantwortung auch keinen Raum geben, geht es genau um das.

Dimitrijs Monolog beginnt in einem kleinen Badeörtchen und führt durch sämtliche Tiefen und Untiefen der Geschichte der Sowjetunion und ihrer anschließenden Transformationen, die mindestens so atemberaubend seltsam waren wie jene, die Rysavýs Theaterfreunde in Sibirien zu finden gehofft hatten.

"Ich könnte nicht sagen, dass mich die filmische Arbeit bei der literarischen prägt, wenn, dann geschieht dies unbewusst. Vielleicht, wenn ich darüber nachdenke, ist es die Technik der Montage, die ich im Roman angewendet habe und die der filmischen Schnitttechnik entspricht", hält Rysavý fest. Die Arbeit als Dokumentarfilmer scheint im Erzählstil insofern durch, als Rysavý den Gesprächspartner nie zeigt, er bleibt so anonym wie eine aufzeichnende Kamera.

Wichtig ist das Sittenbild, das der Erzähler mithilfe dieses Zuhörers zeichnet. Dem Autor gelingt ein Kunststück: Der immerhin 326 Seiten lange Monolog wird nie langweilig. Der selbsternannte Heiler berichtet, sarkastisch wie mitfühlend, so authentisch von Absurditäten des postsowjetischen Alltages, wie Bulgakow jenen des sowjetischen geschildert hatte. Er spielt Theater, reist, arbeitet als Straßenkehrer, glaubt an die Heilung durch die Kunst, berichtet von 18-jährigen Soldaten, Derwischtänzen und Begräbnissen von Frauenhelden. Wie beim Letzten Abendmahl treffen sich da sämtliche Verflossene von der ersten Frau bis zur letzten Geliebten samt all den seinen Lenden entstammenden Sprösslingen zu einem Leichenschmaus, der zügig zum Besäufnis ausartet und in dessen Verlauf der einzige männliche Gast, eben Dimitrij, nicht nur alle Kosenamen des lieben Verstorbenen erfahren darf, sondern auch Jurotschkas respektive Jegoruschkas respektive Grigorijs respektive Schoras sämtliche Skandale und Handgreiflichkeiten.

Es geht um Stalin, um den Marquis de Sade und um das, was sie verbindet. Es geht um den Umgang mit Erniedrigungen aller Art und darum, wie man lernt, sie zu lieben. Es geht um den berühmten Schauspieler und Sänger Wladimir Wyssozki mit seinen gnadenlosen Texten und seiner Reibeisenstimme und darum, wie er sich gegen ein kurzfristig verhängtes Verbot eines zu kritischen Festivals hinwegsetzte und vor absolut leerem Saal spielte, mit Sicherheitsbeamten als einzigem Publikum. Es geht um Liebe, Wodka, die Parteilinie und Verrat.

Eine der Faszinationen von Sibirien stellt für Rysavý der Widerspruch dar: Einerseits ist es das völlig Fremde, Exotische, andererseits aber auch jenes Vertraute, das sich durch die geteilte sowjetische Vergangenheit ergibt. "Für die letzten 80 Jahre gilt: Es ist völlig klar, was dort stattfand. Viele waren in der Armee, sogar in Prag: ob Tschuktsche, ob Mongole, es war einfach, ins Gespräch und zu Gemeinsamem zu kommen."

Die Inspiration zu Dimitrijs Monolog ist tatsächlich auf eine russische Bekanntschaft zurückzuführen, und begonnen hat alles, so wie im Roman, in Gelendzik am Schwarzen Meer. "Ich habe ursprünglich nicht zugehört. Dachte, der lügt wie gedruckt. Dachte schon gar nicht daran, darüber zu schreiben. Ich wollte Urlaub machen. Ich ging mit ihm baden. Trinken. Irgendwann kam eine Geschichte, die mich aufrüttelte."

Es sind zum Schluss viele Geschichten, die er in Montagetechnik übereinanderlegt. Wichtig war es für den Autor auch, keinen Tschechen, sondern jemanden, der von außerhalb kam, als Hauptfigur aufzubauen - die Wahrnehmung Russlands ist dadurch zwar eine verwandte, aber dennoch keine idente. Auch sein nächster Dokumentarfilm wird sich mit der russischen Diaspora beschäftigen, Rysavý bricht bald in die Ukraine auf, um dort zu recherchieren.

"Die Kamera sucht die Gegenwart, wendet sich aber an die Zukunft, sucht eigentlich diese Schnittstelle, an der die Gegenwart in die Zukunft übergeht, erzählt also von zukünftigen Ereignissen, wenn denn der Film eine Erzählabsicht hat. Es gibt natürlich auch Filme ohne diese erzählerische Absicht, aber die liegen mir weniger. Die Literatur hingegen, so scheint mir, richtet sich per se in die Vergangenheit und misst mit anderen Maßstäben." Dimitrij der Heiler wirft einen Blick zurück: nicht im Zorn, aber mit einem grimmigen und einem vor Lachen tränenden Auge. (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 14./15.6.2014)

Ein europäisches Karussell

Zwischen 2006 und 2012 nominierten lokale Jurys aus 16 Ländern (Bosnien, Bulgarien, Estland, Kroatien, Lettland, Litauen, Polen, Rumänien, Russland, Serbien, Slowakei, Slowenien, Tschechien, Türkei, Ukraine und Ungarn) Autorinnen und Autoren, aus denen eine internationale Jury, zuerst unter dem tschechischen Schriftsteller Jiří Gruša (1938–2011), dann unter seinem ungarischen Kollegen György Dalos Preisträger aussuchte, die mit dem Bank-
Aus tria-Literaris-Preis für Prosa, einer Auszeichnung für den besten Lyrikband sowie sieben "Writer in Residence"-Stipendien von KulturKontakt Austria gewürdigt wurden. Die Aktion „Ein europäisches Karussell“, im Rahmen deren der Standard zehn Texte osteuropäischer Autoren pu bliziert, will einen Beitrag zur verstärkten Rezeption osteuropäischer Literatur leisten. Es werden Autoren besucht und mit ihrer Literatur in der Landschaft präsentiert: vom Roadmovie zum Road-Feuilleton.

Zum "Europäischen Karussell" erscheint ein Kartonschuber mit neun Bänden 2222 S., € 75 plus zehn Euro Versand kosten, versandkostenfrei für STANDARD-Abonnenten.

Die Aktion wird unterstützt von: DER STANDARD, Bank Austria Literaris, Ö1 und dem Wieser-Verlag.

Zu beziehen über Ihre Buchhandlung oder über: office@wieser-verlag.com, Fax: 0463/370 36, per Post: Wieser-Verlag, 8.-Mai-Straße 12, 9020 Klagenfurt/Celovec. Ö1 spielt "Karussell"-Texte wöchentlich in "Ex Libris" (jeweils Sonntag 16 Uhr).

www.wieser-verlag.com

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