Die Zentralfigur hieß Hitler

15. Juni 2014, 10:00
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Verschwörertreffen in der Siebensterngasse: Kurt Bauer erzählt die grotesk-tragische Geschichte des nationalsozialistischen Putsches gegen die österreichische Bundesregierung im Jahr 1934

Der nationalsozialistische Putsch gegen die österreichische Bundesregierung am 25. Juli 1934 war ein Ereignis mit vielen Toten, war aber in seinem Ablauf in Wien derart grotesk, so voll von Irrtümern und Missverständnissen, dass ihm eine absurde Komik nicht abgesprochen werden kann. Es beginnt damit, dass der Putsch mehrfach verraten worden war, sodass die zuständigen Regierungsmitglieder vor dem Eintreffen der Putschisten im Bundeskanzleramt über deren bevorstehendes Eintreffen Bescheid wussten.

Das Tor des Kanzleramts blieb jedoch offen und wurde erst nach dem Eintreffen der Putschisten geschlossen, weil man diese für eine Verstärkung gegen die Putschisten hielt. Wie war das möglich? Bereits am 24. Juli war Polizeikommissär Dr. Attems von einem Wohnungsnachbarn über den unmittelbar bevorstehenden Putsch informiert worden. Attems verfasste eine Aktennotiz und schickte sie auf den Dienstweg. Die Information landete in der Nacht zum 26. Juli auch tatsächlich an der richtigen Stelle. Da war allerdings Dollfuß schon tot.

Am Morgen des 25. Juli hatten den Revierinspektor Dobler, einen Verschwörer, ernsthafte Zweifel gepackt, und er rief in der Zentrale der Vaterländischen Front an, verlangte deren Bundesleiter, geriet an dessen Sekretär und teilte mit, es gehe um den "Bestand des Staates", man möge dringend zu ihm ins Café Weghuber kommen. Die Vaterländische Front kam nicht, stattdessen kam ein hoher Heimwehrmann, der sich gerade scheiden ließ und Dobler für einen Spitzel seiner Frau hielt. So kam man ins Gespräch, Dobler erzählte seine Geschichte, ein weiterer Heimwehrmann brachte den Polizisten vom Café Weghuber ins Café Central, wo Dobler neuerlich seine Geschichte erzählte.

Inzwischen war der Führer der Wiener Heimwehr, Emil Fey, verständigt worden und ebenso der Wiener Polizeipräsident Eugen Seydel. Der hatte aber im Augenblick andere Sorgen, weil er die Information erhalten hatte, die Wiener SS-Standarte 11 plane ein Attentat auf Engelbert Dollfuß auf dem Michaelerplatz, wenn der Kanzler zum Mittagessen nach Hause fährt. Selbstverständlich war auch dieser geplante Anschlag verraten worden, und es scheint so, dass die SS-Standarte 11 keine Ahnung hatte, dass am selben Tag zur selben Zeit die SS-Standarte 89 die Eroberung des Kanzleramts plante.

Zu diesem Zweck trafen einander die Verschwörer in der Bundesturnhalle des Deutschen Turnerbunds in der Siebensterngasse. Dort wurden sie von Kriminalbeamten beobachtet, die ihre Meldungen ins Bundeskanzleramt durchgaben. Als die Lastwagen mit den Verschwörern in Richtung Kanzleramt losfuhren, wurden sie von Polizeirat Dr. Penn noch gefragt, wohin die Reise geht. Man wisse es nicht, war die Antwort. Sie wurden nicht an der Weiterfahrt gehindert. Als Penns Polizeieskorte unmittelbar danach die Bundesturnhalle betrat, traf sie dort lediglich den militärischen Leiter des Putsches, Fridolin Glass, der die Abfahrt der Lastwagen übersehen hatte, sodass er seinen eigenen Putsch versäumte. Glass wurde festgenommen, konnte sich aber losreißen und flüchtete in einem Taxi in den dritten Bezirk, wo er Hut und Mantel kaufte.

Inzwischen nahm man im Bundeskanzleramt den Scherz eines Kriminalbeamten ernst, der von einem Angriff der Roten gesprochen hatte. Als die Putschisten, verkleidet als Soldaten und Polizisten, dort ankamen, hielt man sie für die erhoffte Verstärkung gegen den Putsch und schloss hinter ihnen das Tor. Endlich seid ihr da!

Wäre die Geschichte nicht so tragisch, man könnte sie sich als Film von Ernst Lubitsch vorstellen.

Kurt Bauer erzählt sie umfassend und in allen Details, von denen einige wenige hier zitiert wurden. Bauer beschreibt den Sturm auf die Ravag, das schnelle Scheitern des Putsches in Wien und den "Aufstand in der Provinz" in den folgenden Tagen.

Besonders wichtig ist der Schlussteil des Buches mit dem Titel Hitlers Putsch - Die Hintergründe. Zwei Thesen stehen im Mittelpunkt. Erstens: Adolf Hitler war die Zentralfigur dieses Putsches. Er war der Initiator, war ständig, während er in Bayreuth die Festspiele besuchte, über den Verlauf informiert - nicht immer vollständig und nicht immer richtig - und er war der Letztverantwortliche für die aussichtslosen Kämpfe in den Bundesländern, nachdem der Putsch in Wien gescheitert war. Denn Narreteien gab es nicht nur in Wien, Narreteien gab es auch in Bayreuth und in München, wo die Exilführung der österreichischen NSDAP saß.

Einem Abgesandten aus Wien, der berichtete, die Schlacht sei verloren, wurde in München entgegnet: ganz im Gegenteil, jetzt geht's erst richtig los, unsere Leute sind in der Provinz im Vormarsch und werden Wien erobern! So wurden Menschen in eine sinnlose Schlacht und in den Tod gehetzt.

Zweite These Bauers: Der Tod von Dollfuß war nicht Teil des Putschplans. Er ist passiert, wie genau, kann auch Bauer nicht schlüssig erklären. Darin liegt eine Stärke des Buchs: Der Autor gibt an, wo ihm Antworten fehlen. Er bewertet Quellen und Darstellungen, erläutert etwa, warum das "Kollerschlager Dokument" in seinen Augen kein brauchbares Indiz für einen Mordplan gegen Dollfuß liefert. Fazit: Ein neues Buch über den nationalsozialistischen Putsch wird erst dann sinnvoll, wenn (wider Erwarten) neue Dokumente über die Entscheidungen in Bayreuth und München gefunden werden oder wenn die beiden zentralen Thesen Kurt Bauers plausibel in Zweifel gezogen werden. Bis dahin ist das Buch Stand der Wissenschaft. (Peter Huemer, Album, DER STANDARD, 14./15.6.2014)

Kurt Bauer, "Hitlers zweiter Putsch. Dollfuß, die Nazis und der 25. Juli 1934". 25,- Euro / 325 Seiten. Residenz-Verlag, Salzburg 2014

  • Der nationalsozialistische Putsch war ein Ereignis mit vielen Toten, war aber in seinem Ablauf in Wien so voll von Irrtümern und Missverständnissen, dass ihm eine absurde Komik nicht abgesprochen werden kann": Szene während der Besetzung des Rundfunkgebäudes (Ravag) in Wien.
    foto: dokumentationsarchiv des österreichischen widerstandes

    Der nationalsozialistische Putsch war ein Ereignis mit vielen Toten, war aber in seinem Ablauf in Wien so voll von Irrtümern und Missverständnissen, dass ihm eine absurde Komik nicht abgesprochen werden kann": Szene während der Besetzung des Rundfunkgebäudes (Ravag) in Wien.

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