Irak: Islamisten rücken vor, Hunderttausende auf der Flucht

13. Juni 2014, 15:53
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Luftwaffe bombardiert Aufständische, Obama: kein Einsatz von US-Truppen

Washington/Bagdad/Genf - Bei der Einnahme der nordirakischen Stadt Mossul durch sunnitische Milizen wurden möglicherweise hunderte Menschen getötet. Das gab UN-Menschenrechtssprecher Rupert Colville am Freitag bekannt.

Den Vereinten Nationen liegen Berichte vor, wonach 17 Zivilisten ermordet wurden, weil sie mit der irakischen Polizei zusammengearbeitet hatten. Vier Frauen hätten Selbstmord begangen, nachdem sie vergewaltigt worden waren.

Von ISIS-Kämpfern befreite Gefangene hätten sich an den Personen gerächt, die sie ins Gefängnis gebracht hatten. Auch regierungstreuen Truppen warf Colville Übergriffe vor: Durch Artilleriebeschuss von Wohngebieten am 6. und 8. Juni seien bis zu 30 Menschen getötet worden.

500.000 auf der Flucht

Angesichts der Kämpfe um die irakischen Städte Tikrit und Samarra haben nach Informationen der Internationalen Organisation für Migration (IOM) in Genf rund 40.000 Menschen die Flucht ergriffen.

Die Hilfsorganisationen stellten sich auf eine längere humanitäre Krise ein, sagte die IOM-Koordinatorin für Notfalloperationen, Mandie Alexander. Die IOM hatte am Mittwoch bereits mitgeteilt, mehr als eine halbe Million Menschen seien auf der Flucht aus der Region um die zweitgrößte irakische Stadt Mossul. Das Welternährungsprogramm (WFP) leitete Nahrungsmittelhilfen für 42.000 Iraker ein. Zunächst wird mit Lieferungen von 550 Tonnen im Monat gerechnet.

Armee beschießt Stadt

Die ISIS-Kämpfer sind in den vergangenen Tagen vom Norden aus immer weiter Richtung Bagdad vorgerückt. Am Freitagmorgen marschierten sie in der die Stadt Jalula rund 125 Kilometer nordöstlich von Bagdad ein, aus der die irakische Armee in der Nacht kampflos abgezogen war. Die Armee beschoss Saadiya und Jalawla mit Artillerie, Zivilisten ergriffen die Flucht.

"Sumaria News" berichtete am Freitag unter Berufung auf kurdische Sicherheitskräfte, dass am Vormittag ein Regiment der Peshmerga-Truppen eingetroffen sei. Die kurdischen Soldaten wollten im Großraum Jalula das Machtvakuum füllen, das die irakischen Truppen nach ihrem Rückzug aus der Region hinterlassen hätten, hieß es.

Laut Polizeiangaben kam es am Freitagmorgen bei der rund 100 Kilometer nordöstlich von Bagdad gelegenen Stadt Mukdadiya zu Gefechten zwischen Armee und Aufständischen.

In der Provinz Dijala liefern sich aufständische Gefechte mit schiitischen Milizen. Gekämpft werde in dem 90 Kilometer nördlich von Bagdad gelegenen Udhaim und in Mukdadija, das 80 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt liegt, berichten Sicherheitskreise und Behördenvertreter.

Ein Vertreter des einflussreichsten schiitischen Geistlichen im Irak, Großayatollah Ali al-Sistani, rief beim Freitagsgebet in Kerbala dazu auf, das Land mit Waffengewalt gegen Aufständische zu verteidigen.

Obama: kein Truppeneinsatz

Die USA werden keine Truppen in den Irak senden. Das erklärte US-Präsident Barack Obama am Freitag in einem kurzfristig angesetzten Pressetermin in Washington. Die vergangenen Tage hätten gezeigt, dass die irakischen Sicherheitskräfte "unfähig" seien, eine "Reihe von Städten zu verteidigen", erklärte Obama. Washington werde Bagdad deshalb zusätzliche Unterstützung anbieten.

Es würden unterschiedliche Optionen geprüft, erklärte der US-Präsident und begründete das Engagement mit der Gefahr für den Irak und seine Bevölkerung, aber auch für die USA, die vom Vormarsch der Extremisten der Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und der Levante (ISIL/ISIS) ausgehe. Am Donnerstag hatte Obama auch den Einsatz von bewaffneten Drohnen nicht ausgeschlossen. Die USA greifen dem Irak bereits mit Waffenlieferungen und Geheimdienstinformationen unter die Arme.

Enttäuschung über Iraks Armee

US-Außenminister John Kerry betonte, Obama sei in der Irak-Frage zu raschen Entscheidungen bereit. Er selbst sei tief besorgt über die jüngsten Entwicklungen. Sein Ministerium erklärte zudem, die irakischen Sicherheitskräfte seien zur Enttäuschung der USA eingeknickt.

25 Milliarden Dollar

Die USA waren 2003 in den Irak einmarschiert und hatten ihre Soldaten Ende 2011 wieder abgezogen. Die Ausbildung der irakischen Armee hat die US-Regierung mit fast 25 Milliarden Dollar mitfinanziert.

Obamas Kritiker aus den Reihen der oppositionellen Republikaner werfen dem Präsidenten vor, dass er im Irak nicht den Verbleib eines kleinen Truppenkontingents auch nach 2011 durchsetzen konnte. Nicht zuletzt mit seinem Widerstand gegen den Irak-Krieg hatte Obama die Wahl zu seiner ersten Amtszeit gewonnen.

Rückzug von US-Unternehmen

US-Unternehmen haben indes wegen der sich verschlechternden Sicherheitslage amerikanische Mitarbeiter einer irakischen Luftwaffenbasis vorübergehend evakuiert, wie das US-Außenministerium am Donnerstag mitteilte.

Betroffen sein soll die Basis Balad nördlich Bagdads. Rund hundert US-Bürger seien vorübergehend in die Hauptstadt verlegt worden. Sie seien an der geplanten Lieferung von 36 F-16-Kampfjets an die irakische Regierung beteiligt gewesen.

USA: "US-Regierung nicht beteiligt"

Das Pentagon betonte, dass die US-Regierung nicht an der Operation beteiligt sei: "Es sind ihre Mitarbeiter, ihre Flugzeuge", hieß es. Auf dem Militärflughafen Balad waren während der US-Besatzung bis zu 36.000 US-Militärangestellte stationiert, doch wurde der weitläufige Komplex im November 2011 in die Verantwortung der Iraker übergeben (APA/Reuters, derStandard.at, 13.6.2014)

  • Stadtrand von Kirkuk, Donnerstag: Kurdische Peschmerga-Kämpfer verlegen gepanzerte Fahrzeuge.
    foepa/khalil al-a'neito:

    Stadtrand von Kirkuk, Donnerstag: Kurdische Peschmerga-Kämpfer verlegen gepanzerte Fahrzeuge.

  • In Saddam Husseins Heimatstadt Tikrit haben die Auständischen ein ganzes Bataillon der irakischen Polizei entwaffnet.
    foto: reuters

    In Saddam Husseins Heimatstadt Tikrit haben die Auständischen ein ganzes Bataillon der irakischen Polizei entwaffnet.

  • Zerstörter Hummer-Geländewagen der irakischen Armee, Mossul.
    foto: ap

    Zerstörter Hummer-Geländewagen der irakischen Armee, Mossul.

  • Das irakische Verteidigungsministerium veröffentlichte Bilder eines Luftangriffs in der Nähe von Mossul.
    foto: ap photo/iraqi ministry of defense

    Das irakische Verteidigungsministerium veröffentlichte Bilder eines Luftangriffs in der Nähe von Mossul.

  • Autokorso in Mossul: ISIS-Kämpfer in Feierlaune.
    foto: ap/militant source via twitter

    Autokorso in Mossul: ISIS-Kämpfer in Feierlaune.

  • In Bagdad werden Freiwillige für den Kampf gegen die Aufständischen rekrutiert.
    foto: reuters/ahmed saad

    In Bagdad werden Freiwillige für den Kampf gegen die Aufständischen rekrutiert.

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