Ukrainische Panzer sollen russische Grenze verletzt haben

14. Juni 2014, 18:02
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Gegenseitige Vorwürfe zwischen Moskau und Kiew - Minister: Ukrainische Armee nimmt Mariupol ein

Moskau/Kiew - Nach ukrainischen Vorwürfen zu einem Einsatz russischer Panzer im Osten des Landes hat Moskau seinerseits Kiew vorgeworfen, mit Panzern die gemeinsame Grenze passiert zu haben. Die zwei ukrainischen Panzer seien am Freitag von russischen Grenzschützern aufgehalten worden, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow nach Angaben russischer Nachrichtenagenturen.

Das russische Außenministerium sei angewiesen worden, sich wegen der Grenzverletzung an die ukrainische Seite zu wenden. Die ukrainische Armee führt derzeit eine Offensive gegen prorussische Separatisten im Osten des Landes. Kiew wirft Moskau vor, den Aufstand zu unterstützen. Am Donnerstag beschwerte sich Präsident Petro Poroschenko in einem Telefonat mit seinem russischen Kollegen Wladimir Putin über das angebliche Eindringen russischer Panzer auf ukrainisches Staatsgebiet.

NATO veröffentlicht Fotos

Die NATO hat am Samstag Fotos mutmaßlicher russischer Panzer im Osten der Ukraine veröffentlicht. Nach Angaben aus Kiew seien drei Panzer und mehrere gepanzerte Fahrzeuge auf ukrainisches Staatsgebiet vorgedrungen und in der Region Donezk gesichtet worden, teilte die Allianz in Brüssel mit. Die Panzer trügen keine Markierungen und hätten keinen Tarnanstrich wie jene des ukrainischen Militärs.

Dass die Panzer keine Hoheitsabzeichen trügen, erinnere an die "Taktik" bei der Einnahme und Einverleibung der ukrainischen Schwarzmeerhalbinsel Krim durch Russland.

Angriff auf Mariupol

Regierungstreue Truppen haben in der Nacht auf Freitag die südukrainische Rebellenhochburg Mariupol angegriffen. Innenminister Arsen Awakow gab auf seiner Facebook-Seite bekannt, dass seit 10.34 Uhr Ortszeit die ukrainische Flagge auf dem Dach des Rathauses der Hafenstadt gehisst sei.

Die Rebellen in der Stadt bestätigten am Freitag, dass es zu Gefechten gekommen sei. Sie meldeten fünf Tote.

Die Armee setzte Granatwerfer und gepanzerte Fahrzeuge ein. Bei Kämpfen im Gebiet Donezk erlitten die militanten Gruppen dem Verteidigungsministerium zufolge bedeutende Verluste. So seien bei Stepanowka am Vortag mehr als 40 Separatisten getötet worden.

An der Grenze zu Russland brachten Regierungseinheiten nach eigenen Angaben einen rund 120 Kilometer langen Gebietsstreifen unter ihre Kontrolle, den die Grenztruppen aufgegeben hatten. Jedoch sei ein rund 184 Kilometer langer Streifen weiter in der Gewalt der Separatisten, räumte Pawel Schischolin von den Grenztruppen ein. Beide Länder teilen insgesamt eine Grenze von etwa 2.000 Kilometern.

Telefonat zwischen Poroschenko und Putin

In einem Telefonat erklärte Poroschenko Putin am Donnerstag seine Pläne zur Lösung des Konflikts mit den Separatisten. Er beschwerte sich dabei aber auch über das angebliche Eindringen russischer Panzer in die Ukraine, wie sein Sprecher erklärte.

Poroschenko habe den Einsatz dreier russischer Panzer im Osten des Landes als inakzeptabel bezeichnet, sagte Dmitri Peskow. Innenminister Arsen Awakow hatte zuvor bereits den Einsatz russischer Panzer durch die Separatisten erwähnt, dabei aber nicht Russland verantwortlich gemacht.

Zweites Gespräch mit Putin

Poroschenko hatte Putin bisher nur einmal kurz am Rande der Feiern zum 70. Jahrestag der Alliiertenlandung in der Normandie am vergangenen Freitag gesprochen. Am Sonntag hatte er versprochen, bis zum Wochenende die Kämpfe zu stoppen, bei denen in den vergangenen zwei Monaten 270 Menschen getötet wurden.

Dennoch hielten die Gefechten zwischen Separatisten und Regierungseinheiten auch am Donnerstag an. Zahlreiche Menschen wurden verletzt.

Rasmussen "besorgt"

NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen hat sich "besorgt" darüber geäußert, nach denen Separatisten in der Ukraine über Waffen und sogar Panzer aus Russland verfügen sollen.

"Wir haben Berichte gesehen, dass russische Panzer und bewaffnete Fahrzeuge die Grenze zum Osten der Ukraine überschritten haben könnten", erklärte Rasmussen am Freitag in Brüssel. "Wenn sich diese Berichte bestätigen, würde das eine ernste Eskalation der Krise in der Ostukraine bedeuten."

Polen schließt Konsulat in Donezk

Angesichts der angespannten Sicherheitslage stellte das polnische Konsulat in Donezk vorübergehend seine Arbeit ein. Polen rief alle Landsleute auf, das Gebiet umgehend zu verlassen. Das Konsulat war die letzte noch geöffnete diplomatische Vertretung eines EU-Landes in der ostukrainischen Bergbauregion.

Anschlag auf Separatistenführer in Donezk

Die ukrainische Präsidentschaft teilte am Donnerstag mit, die Armee habe die Kontrolle über rund hundert Kilometer Grenze zu Russland zurückerobert. Aus Donezk meldeten die Separatisten, bei einem Anschlag auf einen Kleinbus von Separatistenführer Denis Puschilin seien zwei seiner Leibwächter getötet worden. Puschilin sei nicht in dem Fahrzeug gewesen, doch seien vier Personen durch die Explosion verletzt worden. Zwei von ihnen seien später ihren Verletzungen erlegen.

Russland brachte unterdessen einen neuen Resolutionsentwurf zur Ukraine im UN-Sicherheitsrat ein. UN-Botschafter Witali Tschurkin sagte, es habe "einige Unterstützung" und "einige Vorschläge" bei der Sitzung gegeben. In dem Entwurf wird ein sofortiges Ende der Gewalt, ein dauerhafter Waffenstillstand und eine größere Rolle der UNO bei der Lösung des Konflikts gefordert. Tschurkin äußerte sich zudem besorgt über Berichte über den Einsatz von weißem Phosphor durch die Ukraine.

Menschenrechtsbeauftragte tagen

Am Freitag kommen die Menschenrechtsbeauftragten der Ukraine und Russlands zu einem Gespräch über humanitäre Fragen zusammen. Zu dem Treffen in der ostukrainischen Millionenstadt Charkow reist Ella Pamfilowa aus Moskau an. Aus Kiew kommt ihre Amtskollegin Waleria Lutkowskaja.

Das Verhältnis der beiden Nachbarstaaten wird auch durch den anhaltenden Streit über die russischen Gaslieferungen an die Ukraine belastet. Die letzte Verhandlungsrunde unter Vermittlung der EU in Brüssel blieb am Mittwoch ergebnislos. Der Chef des russischen Ölkonzerns Gazprom, Alexej Miller, drohte am Donnerstag, die Gaslieferungen zu stoppen, sollte die Ukraine ihre ausstehenden Schulden nicht bis Montag um 10 Uhr begleichen. (red/APA/Reuters, derStandard.at, 13.6.2014)

  • Gepanzerter Truppentransporter der ukrainischen Armee, Mariupol, 13.6.2014
    foto: reuters/shamil zhumatov

    Gepanzerter Truppentransporter der ukrainischen Armee, Mariupol, 13.6.2014

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