Boko Haram: "Es geht nicht mit Gewalt, wir müssen verhandeln"

Interview13. Juni 2014, 11:24
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Journalist Oghogho Arthur Obayuwana über die entführten Schülerinnen in Nigeria

STANDARD: Sie erzählen, dass Journalisten in Nigeria eingeschüchtert werden. Wie geschieht das?

Obayuwana: Ganz direkt, etwa wenn Bomben in Redaktionen explodieren. Oder es steht bei Interviews ein Polizist daneben, das reicht schon. Das führt auch zu einer Selbstzensur der Medien.

STANDARD: Wie arbeiten Sie, ohne sich in Gefahr zu bringen?

Obayuwana: Manchmal schreibe ich anonym. Ich wusste immer, in welcher Gefahr ich mich befinde.

STANDARD: Wie gut ist Boko Haram in der Region vernetzt?

Obayuwana: Sie haben zunehmend Sympathisanten in Kamerun und im Tschad.

STANDARD: Einige Sicherheitsexperten haben Anfragen abgelehnt. Sie könnten derzeit nicht über "die Gruppe" sprechen und vermieden explizit den Namen Boko Haram in der Korrespondenz. Ist die Gefahr tatsächlich so groß?

Obayuwana: Wer in Europa sitzt, sollte nicht so viel Angst haben. Aber ja, Boko Haram hat ein gutes Netzwerk mit Al-Kaida. Ich erinnere an Kurt Westergaard, den Zeichner der Mohammed-Karikatur, der sogar in Dänemark verfolgt wurde.

STANDARD: Vermitteln internationale Medien das richtige Bild von den Entwicklungen in Nigeria?

Obayuwana: Die meisten decken die Ereignisse gut ab, aber sie treffen falsche Annahmen. Sie sind nicht vertraut mit den Nuancen, der Kultur der Menschen. Sie können die soziologischen Aspekte nicht greifen. Daher können sie auch das Phänomen Boko Haram nicht transportieren. Die historische Dimension ist sehr speziell.

STANDARD: Nigeria war bis 1960 unter britischer Herrschaft. Ist der Jihadismus von Boko Haram eine Folge des Kolonialismus?

Obayuwana: Zum Teil ja. Die Gruppe ist das Ergebnis fehlender Führung im Norden des Landes. Dieses Erstarken islamisch-fundamentalistischer Tendenzen ist ein totaler Rückschritt. Im Norden lebt eine sehr verarmte, verzweifelte Bevölkerung. Es ist ein Leichtes, Menschen in dieser Lage zu manipulieren. Boko Haram erzählt ihnen, die Bewohner im Süden seien ihre Feinde und dass sie gegen sie kämpfen müssen.

STANDARD: Der Süden ist relativ wohlhabend, das Geld kommt aber nur zu Bruchteilen im Norden an. Warum?

Obayuwana: Der Norden war das Machtzentrum der Briten. Der Süden ist progressiver, nicht so feudalistisch. Es verläuft eine kulturelle Trennlinie durch das Land, und die Konsequenz zeigt sich in der Volkswirtschaft.

STANDARD: Haben Sie eine Erklärung dafür, dass der Aufenthaltsort der entführten Mädchen seit Wochen bekannt ist, sie aber noch nicht befreit wurden?

Obayuwana (formt mit der Hand eine Pistole an meiner Schläfe): Niemand kann die Mädchen im Moment retten, ohne sie in Gefahr zu bringen. Es geht nicht mit Gewalt, wir müssen verhandeln. Boko Haram will ihre Gefangenen gegen die Mädchen eintauschen.

STANDARD: Sollten die politischen Gefangenen ausgetauscht werden?

Obayuwana: Sie sind keine politischen Gefangenen, sondern Kriminelle. Aber ja, die Regierung sollte verhandeln. Es gibt großen Druck durch die Kampagne #bringbackourgirls. Wenn man Kriege in Phasen einteilt, muss man in dieser Phase Verhandlungsbereitschaft signalisieren, aber die Oberhand behalten.

STANDARD: Sie haben die internationale Twitter-Kampagne angesprochen. Empfinden Sie das als Hashtag-Aktionismus?

Obayuwana: Es ist okay für mich, es hält die Flamme am Köcheln und erzeugt Aufmerksamkeit für die Mädchen. Aber natürlich muss das Handeln im Vordergrund stehen.

STANDARD: Wie ist es allgemein um Frauenrechte in Nigeria bestellt?

Obayuwana: Frauen in Nigeria leben relativ frei - mit Ausnahme des Nordens. Plötzlich müssen sie sich verschleiern. Es war nicht möglich, eine Volkszählung durchzuführen, weil es "unislamisch" sei zu fragen, wie viele Kinder jemand hat. Es ist eine total rückschrittliche Mentalität. (Julia Herrnböck, DER STANDARD, 13.6.2014)

  • Rachel Daniel bangt seit April um ihre 17-jährige Tochter Rose. Sie wird mit rund 200 Mädchen gefangen gehalten.
    foto: reuters/penney

    Rachel Daniel bangt seit April um ihre 17-jährige Tochter Rose. Sie wird mit rund 200 Mädchen gefangen gehalten.

  • Oghogho Arthur Obayuwana (45) ist Redakteur der renommierten nigerianischen Zeitung The Guardian
    foto: standard/herrnböck

    Oghogho Arthur Obayuwana (45) ist Redakteur der renommierten nigerianischen Zeitung The Guardian

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