"Sunnistan" am irakisch-syrischen Horizont

Analyse12. Juni 2014, 19:00
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Die militärischen Erfolge des "Islamischen Staats im Irak und Großsyrien" nähren Verschwörungstheorien

Bagdad/Wien - Zwei Faktoren beim derzeitigen Vormarsch der Isis (Islamischer Staat im Irak und Großsyrien) bis fast an die Tore Bagdads sind schwer zu erklären - und geben naturgemäß Spekulationen Nahrung.

Die erste Frage ist, weshalb die irakische Führung trotz der sich sichtbar anbahnenden Katastrophe in Mossul so wenig unternommen hat. Beide Antworten, die "normale" und die verschwörungstheoretische, sind gleich beunruhigend: ein eklatantes Unvermögen der irakischen Sicherheitskräfte und ihrer Führung, oder, wie es die Feinde von Ministerpräsident Nuri al-Maliki wissen wollen, eine bewusste Passivität.

Es lohnt sich, die Theorie anzusehen, denn sie sagt viel über die irakische politische Realität aus. Maliki, so seine Gegner, ziehe aus der jetzigen Situation zwei Vorteile: Erstens könne er seine jetzige Politik der harten Hand, die nur auf Sicherheitspolitik und nicht auf Integration der vom Staat enttäuschten Sunniten setzt, in Zukunft ungehindert durchziehen. In Mossul, Hauptstadt der Provinz Niniveh, ist (war) Atheel Nujaifi Gouverneur, der Bruder des aktuellen Parlamentspräsidenten und stärksten Sunnitenpolitikers im Parlament, Osama Nujeifi. Jetzt können die Nujaifis entscheiden, was ihnen lieber ist: die Isis oder doch Regierungstruppen.

Zweitens haben nun die Kurden - zu denen sich das Verhältnis Bagdads wegen eines neuen Streits um die kurdische Ölautonomie akut verschlechtert hat - die Jihadisten direkt vor ihrer Haustür. Sie bedrohen auch Kirkuk. In der Tat gab es in den vergangenen Tagen Klagen aus Erbil (der Hauptstadt der autonomen kurdischen Region), dass man zur Kooperation mit den irakischen Sicherheitskräften bereit war, aber kein Interesse vorhanden war. Aber, wie am Donnerstag geschehen, die Situation - und die Abwesenheit des irakischen Staates - erlaubt den Kurden andererseits, ihre eigene Kontrolle über Kirkuk herzustellen.

Wie gesagt, das sind die Verschwörungstheorien, viel wahrscheinlicher ist, dass das Verhalten der Behörden unter das Kapitel Unfähigkeit fällt. Für Maliki hätte sich der Spaß spätestens aufgehört, als die Isis den Weg über Tikrit in Richtung Bagdad einschlug. Und er müsste sich auch bereits damit abgefunden haben, dass er jene sunnitischen Gebiete, die die Isis besetzt - nicht nur dorthin vorstößt und wieder abzieht - einstweilen nicht mehr zurückgewinnen wird. Wie Falluja und Teile Anbars.

Tatsächlich ist das oft an die Wand gemalte "Sunnistan" über die syrisch-irakische Grenze hinweg zumindest im Moment eine Realität. Damit kommt man auch zur zweiten der eingangs erwähnten Perplexitäten: Mit der Isis beziehungsweise Daesh - so lautet das Akronym des arabischen Namens - wurde dieses "Sunnistan" von einer Organisation verwirklicht, die in Konkurrenz zur Al-Kaida auftritt. Isis-Chef Abu Bakr al-Baghdadi wird bereits medial zum wahren Erben von Osama bin Laden gekürt, viel erfolgreicher als dessen blasser Nachfolger, Ayman al-Zawahiri, der sich irgendwo im Niemandsland zwischen Pakistan und Afghanistan eingebunkert hat.

Deshalb konnte die Theorie nicht ausbleiben, dass es sich bei der Isis um ein westliches Komplott handelt, erstens um Al-Kaida zu schwächen, zweitens durch die Kreation eines "Sunnistan" - aus dem die Isis irgendwann hinausgeworfen werden müsste, wie die Taliban aus Afghanistan - den Irak und Syrien mittelfristig durch Teilung zu befrieden.

Dass die USA nicht selbst militärisch eingreifen wollen, wird diese Verschwörungstheorie nähren. Aber wie könnten sie auch in Syrien nicht gegen das Assad-Regime eingreifen und nun im Irak gegen einen Assad-Gegner? Obwohl es natürlich auch die Verschwörungstheorie gibt, dass die Isis eine Assad-Kreation ist, um den Aufstand zu spalten.

Niemand erwartet wirklich, dass die Isis versuchen wird, Bagdad einzunehmen: Bei manchen Operationen handelt es sich offenbar darum, Angst und Schrecken zu verbreiten, um die Angegriffenen davon abzuhalten, das Territorium, dass die Isis besetzt hält, zurückgewinnen zu wollen. Die Isis wird sich nur auf Dauer dort halten können, wo sie eine gewisse Duldung durch die lokale Bevölkerung hat. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 13.6.2014)

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