"La Barque le soir": Das stete Tun, um nicht unterzugehen

12. Juni 2014, 18:41
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Claude Régys Stück verblüfft bei den Festwochen als grandiose Studie eines Kampfes

Wien - Ein Mann kämpft gegen das Ertrinken an. Er wähnt sich im Roman Boot am Abend des norwegischen Schriftstellers Tarjei Vesaas (1897-1970) mit einem Mal unter Wasser. Und "alles, was ihn oben hält, gibt offensichtlich nach". Vesaas Sprache, oft als nobelpreiswürdig erachtet, ist voller Poesie, durchdrungen von nordischer Melancholie. Wie viele seiner Bücher erzählt auch Boot am Abend von Zwischenwelten, vom Wegdriften der Realität.

Der französische Theaterregisseur Claude Régy, dem bei den Wiener Festwochen eine kleine Hommage zuteil wird, zeigt seine Bühnenadaption La Barque le soir des 1968 erschienenen Romans derzeit im Museumsquartier. Nur wenige, dafür umso gezielter ausgewählte Sätze haben es in die Aufführung geschafft. Sie träufeln dem Schauspieler Yann Boudaud sehr langsam, melodisch über die Lippen. Er ist der Ertrinkende und die Erzählstimme zugleich.

Der Mann sinkt, nimmt Strömungen wahr, wird von Blasen umperlt, er treibt wieder nach oben, ergreift einen Baumstamm.

Schon bei Intérieur, das am Beginn der Festwochen stand, verblüffte Claude Régys solitäre, kompromisslos auf Verlangsamung und Stille setzende Technik. Ruhe wird beim Publikum jeweils schon vor der Vorstellung im Foyer eingemahnt, die Halle G selbst ist in Düsternis gehüllt, das fördert die Achtsamkeit der Zuseher.

Yann Boudaud ist ein großartiger Schauspieler: Er vermag in festen Schnürschuhen so an der Rampe zu stehen, dass man stets meint, er schwebe. In unendlich langsamen Bewegungen, wölbt er seinen Körper vor einer Wasserleinwand; oft wird es so dunkel, dass man ihn kaum noch sieht.

Das Zerdehnen der Zeit öffnet Denkräume. Yann Boudaud regt sie an; er zieht die ganze Aufmerksamkeit auf sich. Seine fast unmerklichen Bewegungen im Stand gerinnen zu Figuren eines Körpers, der kämpft, der sich windet und befreien möchte. Daraus erwächst Spannung und die Erkenntnis über den Zustand. Wo es beim Ertrinken im wahren Leben um Sekunden geht, gebietet Régy Einhalt und hebt schützend die Zeit aus den Angeln. So heißt es in Anbetracht eines scheinbar letalen Vorgangs geradezu lapidar: "Der Mangel an Luft machte ihm zu schaffen".

Wie ein Bildhauer geht der Regisseur vor. Er modelliert Bewegungen des Schauspielers zu Figuren. Sein durch blaues Licht verfremdetes, immer wieder entrückt scheinendes Gesicht blickt wach in die Weite. Der dabei offene Mund markiert ein "zentrales Moment des Pathischen", ein performatives Phänomen, wie es Lorenz Aggermann herausgearbeitet hat (Theater der Zeit 2013, Recherchen 102): Der offene Mund verweist auf das Organische, auch auf Innerlichkeit, umso mehr als der Mund hier kaum als akustisches Instrument dient. Aus ihm strömen weniger die gesagten als die gedachten Gedanken.

Darin liegt das Interesse Claude Régys: dem Publikum ein intimes Zuschauen neu zu erschließen, das die eigenen Bilder wachruft. Er knüpft eine geradezu organische Verbindung zwischen Bühne und Zuschauerraum, das macht diesen Überlebenskampf so dringlich und ganz groß. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 13.6.2014)

Bis 15. 6.

Filmmatinee mit Claude Régy am 15. Juni, 11 Uhr im Festwochenzentrum im Künstlerhaus

  • Kampf eines Ertrinkenden (Yann Boudaud).
    foto: pascal victor / artcomart

    Kampf eines Ertrinkenden (Yann Boudaud).

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