Ein "Angriff auf die Qualität" des sozialen Wohnens

12. Juni 2014, 18:17
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Oberösterreich hat ein neues Regelwerk für sozialen Wohnbau. Die Branche fürchtet, dass durch Billigbauweise "Sozialbunker" entstehen

Linz - Der Protest hat sich formiert, und die Gegner haben sich zur Plattform "Nachhaltig leistbarer sozialer Wohnbau in Oberösterreich" zusammengeschlossen. Bundes- und Regionalverbände aus dem Bauwesen forderten am Donnerstag in Linz wortgewaltig eine Rücknahme der beiden neuen Standardausstattungskataloge für den geförderten Wohnbau, ansonsten drohe die Entstehung von "Sozialbunkern".

Reduktion der Baukosten

Wohnbaulandesrat Manfred Haimbuchner (FPÖ) hat das Regelwerk vorgelegt, das 2015 in Kraft treten soll. Darin sind 32 Pflichtvorgaben aufgezählt, die Wohnbauträger bei ihren Projekten einhalten müssen, sonst fällt die Förderung. Damit sollen vor allem die Errichtungskosten gesenkt werden, heißt es aus dem Ressort, denn die Wohnbauförderung und die tatsächlichen Baukosten klaffen auseinander. Verfasst wurde der Katalog vom Wirtschaftlichkeitsbeirat, in dem auch unabhängige Baumeister sitzen.

Allerdings, so die Kritik der Plattform, werde an den falschen Stellen der Rotstift angesetzt. So dürften laut dem Katalog künftig ausschließlich Kunststofffenster in Weiß eingebaut werden. Auch solle der Sonnenschutz künftig nicht mehr zur Grundausstattung gehören, ärgert sich Johann Gerstmann vom Bundesverband für Sonnenschutztechnik Österreich. Seine Rückschluss aus dieser Maßnahme: Die Kosten würden sich nur vom Bauträger auf den Mieter oder Eigentümer verschieben.

Weiters wird eine Dach- und Fassadenbegrünung verboten. Für Gerold Steinbauer, Vorstandsvorsitzender des Verbands für Bauwerksbegrünung entbehrt dieses Verbot "jeglichen zukunftsorientierten Wohnens".

"Nur noch Mindeststandards"

In Summe gesehen sei das Regelwerk ein "Angriff auf die Qualität. Das gilt sowohl für die technische Ausstattung als auch für die Architektur" , erklärt Olivia Schimek, Oberösterreich-Vorsitzende des Österreichischen Ingenieur- und Architektenvereins. Für den sozialen Wohnbau sollen nur mehr Mindeststandards gelten. Die Folge für Johann Scheuringer von der Plattform Fenster und Fensterfassaden: "Soziale Wohnungen werden wie soziale Wohnungen aussehen."

Ganz so dramatisch sieht das freilich der Wohnbaulandesrat nicht. Es seien qualitativ nicht notwendige Standards gestrichen worden, heißt es aus seinem Büro. "Ein elektrischer Sonnenschutz muss nicht sein, das stellen wir dem Eigentümer künftig frei", meint Haimbuchner-Sprecher Andreas Steindl. Überhaupt versteht er die Aufregung der Plattform nicht so recht. "In Wahrheit sind die angeführten Standards gelebte Praxis", hat Steindl von Bauträgern zu hören bekommen.

Gespräche mit allen

Außerdem werde derzeit noch mit allen Beteiligten verhandelt. Ende Juni gebe es ein Hearing mit den gemeinnützigen Wohnbauträgern. "Wir hören uns alle Meinungen an", versichert der Landesrat-Sprecher. Das Regelwerk sei ein "offenes, lebendiges Dokument". Es werde noch Änderungen geben.

So gesprächsbereit geben sich die Projektgegner nicht. Für sie ist der Katalog der falsche Ansatz zum Sparen. Nur auf die Errichtungskosten zu schauen, verhindere Nachhaltigkeit. Verwende man billige Materialen, so ziehe das höhere Betriebs- und Instandhaltungskosten nach sich. Das Fördersystem gehöre geändert. (Kerstin Scheller, DER STANDARD, 13.6.2014)

  • Dachgärten wie etwa jene in einer Wohnhausanlage in Wien soll es in Oberösterreich im geförderten Wohnbau nicht mehr geben dürfen.
    foto: standard/newald

    Dachgärten wie etwa jene in einer Wohnhausanlage in Wien soll es in Oberösterreich im geförderten Wohnbau nicht mehr geben dürfen.

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