Ukrainische Separatisten: Amateure für die "neue Art von Krieg"

12. Juni 2014, 18:10
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In der Ostukraine stehen Freiwillige zum Teil ehemaligen Elitesoldaten gegenüber

Kaum ein Abend vergeht, an dem die ukrainischen Fernsehsender nicht irgendeine Einheit freiwilliger Kämpfer im Einsatz in der Ostukraine zeigen. Oft ist diesen Einheiten allerdings nicht klar, gegen wen sie kämpfen.

Beim freiwilligen Bataillon Donezk sollen mittlerweile etwa 1200 Männer unter Waffen stehen. Die angehenden Soldaten werden in einem Militärcamp nahe Kiew auf ihren Einsatz im Osten vorbereitet. "Dort erwartet sie eine neue Art von Krieg", beschreibt Semen Sementschenko, Kommandeur des Bataillons Donezk, die Aufgabe. Der Andrang sei groß: Alleine bei seinem Stützpunkt würden sich täglich 100 bis 150 Männer melden und nach einem Gesundheitscheck ihre Ausbildung beginnen. Sementschenko stammt aus Donezk, wurde aber in Russland geboren, jetzt "bin ich Soldat der Ukraine", wie er in einem Interview sagt.

Wie die meisten Freiwilligen-Heere, beteuert Sementschenko zwar, würde seine Truppe "ausschließlich für das Vaterland kämpfen", doch gibt es Hinweise darauf, dass der Gouverneur von Dnipropetrowsk, der Oligarch Igor Kolomojski, Hauptfinanzier des Bataillons Donezk ist.

In den seit Wochen schwer umkämpften Städten Slawjansk, Donezk und Kramatorsk stehen die jungen Ukrainer oft kampf- und kriegserfahrenen Männern gegenüber. Vor allem die Kämpfer der prorussischen Einheiten Wostok (Osten) und Oplot (Bollwerk) stammen zu 80 Prozent aus Russland und anderen Gus-Staaten. Die Gegner des Bataillons Donezk und der Nationalgarde der Ukraine sind Freiwilligenverbände wie die "Armee des Südostens" und die "Russisch-orthodoxe Armee".

Elitesoldaten und Polizisten

Die Anführer dieser beiden Gruppen stammen aus Russland. Igor Girkin, Kampfname "der Schütze", ist russischer Staatsbürger und Militärstratege. Alexander Borodaj, Ministerpräsident der selbsternannten "Volksrepublik Donezk", hat ebenfalls die russische Staatsangehörigkeit. Beide Männer waren nachweislich an der Besetzung der Krim durch russische Streitkräfte beteiligt.

In den Reihen der prorussischen Einheiten finden sich reihenweise einstige Mitarbeiter des ukrainischen Innenministeriums, ehemalige Elitesoldaten und Polizeikräfte, die dem Präsidenten Wiktor Janukowitsch bis zu seinem Sturz eng verbunden waren. Beobachter vermuten, dass der Ex-Präsident aus seinem Exil im russischen Rostow am Don einen Teil der Separatisten bezahlt.

Unter den Janukowitsch-Vertrauten ist auch der Abgeordnete und Fraktionschef der ehemals regierenden Partei der Regionen, Alexander Jefremow. Der aus Luhansk stammende Politiker sieht sich Gerüchten ausgesetzt, wonach er einen Teil der Separatisten steuern würde. Unter anderem wird ihm Sabotage am Luhansker Flughafen vorgeworfen. Dieser ist derzeit geschlossen, weil wichtige Anlagen zerstört wurden.

Der neue Präsident Petro Poroschenko hat mehrfach einen Waffenstillstand angekündigt. Poroschenko will auch mit den Separatisten verhandeln, doch dafür sollten diese zuerst die Kämpfe einstellen. Danach sah es am Donnerstagabend nicht aus: Anschuldigungen aus Kiew zufolge soll Russland drei Panzern und mehreren Militärfahrzeugen das Passieren der Grenze in die Ukraine erlaubt haben. (Nina Jeglinski aus Kiew, DER STANDARD, 13.6.2014)

  • Ein Mitglied der separatistischen Miliz "Russisch- orthodoxe Armee" stoppt ein Auto bei einem Checkpoint nahe Donezk.
    foto: reuters/zhumatov

    Ein Mitglied der separatistischen Miliz "Russisch- orthodoxe Armee" stoppt ein Auto bei einem Checkpoint nahe Donezk.

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