Blatter netzt gegen Europa nach Belieben

12. Juni 2014, 17:58
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In São Paulo wurde die Ankündigung des 78-Jährigen, im nächsten Jahr erneut als Präsident zu kandidieren, akklamiert

São Paulo - Joseph S. Blatter weiß, wen er braucht und auf wen er zur Not verzichten kann. Weshalb der Präsident des Weltfußballverbandes (Fifa) nicht zögerte, seine Kritiker aus dem europäischen Verband (Uefa) in einer Art zurechtzuweisen, die ihn jeglicher Gesprächsbasis beraubt. "Ich habe sehr viel einstecken müssen in meinem Leben. Aber so etwas Respektloses habe ich noch nicht erlebt - weder auf dem Fußballfeld noch im eigenen Hause", wetterte der 78-Jährige nach dem 64. Fifa-Kongress, ehe sein Kommunikationsdirektor, Walter de Gregorio, die Journalisten schnell um Fragen zum Fußball selbst bitten konnte. Der europäische Widerstand gegen seine neuerliche Präsidentschaftskandidatur hat den Schweizer offenbar gekränkt.

Bei einem Meeting der Uefa-Mitgliedsverbände am Dienstag hatte der Niederländer Michael van Praag in Blatters Anwesenheit erstmals in aller Deutlichkeit Blatters Abgang gefordert. Wolfgang Niersbach, der Chef des Deutschen Fußballbundes (DFB), berichtete später, van Praag habe "sehr respektvoll" gesprochen, eine "aggressive Stimmung" habe es eben nicht gegeben.

Mehrheit ist Mehrheit

Vor dem gut überlegten Konter am Mittwochabend, als die Uefa-Vertreter um Präsident Michel Platini längst beim Abendessen saßen oder im Verkehr der Millionenmetropole steckten, hatte sich Blatter seiner Macht versichert: Seine Präsidentschaftsambitionen für die Wahl am 29. Mai 2015 wurden mit Applaus von fast sämtlichen Mitgliedern der nichteuropäischen Kontinentalverbände gefeiert; die von ihm ungeliebte Beschränkung von Alter (80) und Mandat für Fifa-Ämter wurde von der einfachen Mehrheit der 209 Verbände abgeschmettert.

Für eine Wiederwahl in die dann fünfte Amtszeit braucht Blatter Europa nicht. Ganz ohne den starken Kontinentalverband kommt die Fifa aber auch nicht aus. In den Uefa-Kreisen wird sich die Opposition daher schnellstmöglich die weitere Taktik zurechtlegen. Platini, sagte Niersbach, werde sich erst im September äußern, ob er der große Herausforderer werden will. Für den DFB-Präsidenten, Mitglied in der Uefa-Exekutive, ist er das. Der Franzose stellte schon klar: "Ich werde Blatter nicht länger unterstützen, das ist vorbei."

Platini ist wohl auch Leo Windtners Mann. Der Präsident des österreichischen Fußballverbandes verspürte in São Paulo jedenfalls "schon ein gewisses Vorgefühl für das, was nächstes Jahr in Zürich passieren könnte". Enttäuscht zeigte sich der Oberösterreicher über die offensichtliche Machtlosigkeit der Europäer. "Es war einigermaßen ernüchternd, wie Europa überstimmt worden ist, das war nicht zu erwarten."

Dass der Einfluss der Uefa in der Fußballwelt nicht stark genug ist, zeigte sich am Scheitern des letzten Schritts der Demokratiereform. "Wir als DFB haben bei der Amtszeit- und Altersbegrenzung klar dafür gestimmt", sagte Niersbach. Das Ergebnis war auch ein Stimmungsbild der Sympathien.

Blatter war und ist Gegner einer Altersgrenze, er argumentiert mit Diskriminierung. Am Ende seiner fünften Amtszeit 2019 wäre er 83 Jahre alt.

"Ich bin bereit"

Der zum Reformer auserkorene Niersbach-Vorgänger Theo Zwanziger war allerdings auch ohne das "fünfte Tor" seiner Agenda "absolut zufrieden". Hätte sich der Kongress für eine verbindliche Abstimmung im kommenden Jahr entschieden, "hätten wir ein Jahr gearbeitet und wären dann an der Dreiviertelmehrheit gescheitert".

Die Fifa könnte noch lange von Blatter geführt werden. Zwar sei er aufgrund der Modifizierung der Statuten kein Kandidat, sagte Blatter, weil er nach dem Beschluss des Kongresses erst bestätigt werden muss - seine "Mission" sei aber nicht vorbei. "Ich bin bereit", sagte der Walliser.

Heftige Kritik an den Vorgängen in São Paulo kam aus England. Der ehemalige Verbandspräsident Lord David Triesman attestierte der Fifa in einer Rede vor dem House of Lords im britischen Parlament das Verhalten einer Mafia-Familie. Es gibt eine jahrzehntelange Tradition von Bestechungs- und Schmiergeldzahlungen sowie Korruption", sagte der 70-Jährige. "Die Hälfte des Exekutivkomitees, das bei der letzten WM-Vergabe abgestimmt hat, müsste gehen."

Lord Triesman reagierte damit auch auf die Korruptionsanschuldigungen der Sunday Times im Zusammenhang mit den WM-Vergaben 2018 an Russland und 2022 an Katar. Er unterstützt ausdrücklich seinen Nachfolger Greg Dyke, der Blatter gescholten hatte, weil dieser im Zusammenhang mit den Korruptionsvorwürfen durch britische Medien von Rassismus und Diskriminierung gesprochen hatte. "Don Corleone, so glaube ich, hätte die Taktik durchschaut und hätte sie dafür vielleicht bewundert", sagte Lord Triesman in Anlehnung an den Mafia-Filmklassiker Der Pate. Zumindest juristisch ist ihm nicht beizukommen. Aussagen im House of Lords sind nicht klagbar. (APA, sid, lü, DER STANDARD, 13.6.2014)

  • Joseph S. Blatter hat sich beim Fifa-Kongress geärgert, aber letztlich doch triumphiert.
    foto: apa

    Joseph S. Blatter hat sich beim Fifa-Kongress geärgert, aber letztlich doch triumphiert.

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