Zwischen Revanche und Rehabilitation

12. Juni 2014, 17:37
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Die Niederlande haben 2010 nicht nur das Spiel gegen Spanien, sondern durch Derbheit auch ihre Reputation verloren. Am Freitag geht es also um mehr als nur den Auftakt in Gruppe B

Rio de Janeiro - Wahrscheinlich hat Andres Iniesta jene Eigenschaft, die hierzulande mit dem schönen Wort "gfeanzt" umschrieben wird. Jedenfalls sagt der Edelkicker aus Barcelona, wohl wissend für welche Ohren, über seinen 1:0-Siegestreffer zum WM-Titel vor vier Jahren: "So ein Tor macht man nur einmal. Ich habe vergessen, wie oft ich dieses Tor angeschaut habe. Ich war so glücklich. Es war ein einmaliges, bisher unbekanntes Gefühl für mich."

Die Ohren, in die Iniesta dieses unbekannte Gefühl legt, sind jene von Arjen Robben. Denn der erzielte in diesem Finale keinen Treffer, vor allem nicht in der 62. Minute, als er allein auf Goalie Iker Casillas zulief. "Diese Szene ist ein Film in meinem Kopf geworden, der sich immer und immer wieder abspielt."

Das freitägige Aufeinandertreffen (21 Uhr MESZ, ORF 1) der beiden Finalisten 2010 steht also holländischerseits eindeutig unter dem Motto Filmriss, wenn nicht gar Gegenschuss. Denn nach drei Finalteilnahmen (1974, 1978, 2010) kann diesmal das orange Ziel nur eines sein. Und dazu muss Robben - der Mann, der Fußball spielt wie das rechte Manderl an der vordersten Wuzlerstange - treffen.

Wird der 30-Jährige auch, meint Bayern-Vorstand Matthias Sammer über seinen goldfüßigen Legionär. "Er ist ein unglaublicher Spieler, ein Topprofi. Für mich ist er auf einem Level mit absoluten Weltklassespielern wie Messi, Neymar oder Ronaldo."

Louis van Gaal hört solches klarerweise nur ungern. Der Bonds-coach, der die Elftal vom klassisch holländischen 4-3-3 auf ein 5-3-2 umgemodelt hat, schlüpft vorsorglich in die Außenseiterrolle. Mit Robben, Robin van Persie und Wesley Sneijder stehen nur mehr drei Offensive auf dem Platz. "Gegen Spanien", macht sich Sneijder keine Illusionen, "muss alles perfekt laufen, damit wir eine Chance haben."

Was das 5-3-2 allerdings schon sehr gut kann - wenn es denn perfekt läuft -, ist jene Spielüberzeugung umzusetzen, die vielleicht am holländischsten ist, die von Ernst Happel, Bondschoach 1978, so blumig benannten spezifiken Kontraattacks. Da flutscht dann die so defensiv wirkende Fünferabwehr in Windeseile in ein vorwärtsmarschierendes Fünfermittelfeld, das, je nach Gefechtslage - also situationselastisch - links oder rechts gewichtet werden kann.

Defensiver Kopffilm

Und dann also Van Persie; oder Klaas-Jan Huntelaar; oder halt Robben: Robben auf der Sechzehnerlinie nach innen, Sergio Ramos weiß genau, was jetzt kommt, das ist ein Film in seinem Kopf, der sich schon tausende Male wiederholt hat. Aber dennoch geht Robben blitzschnell nach links, das Wuzlerstangl wird aus dem Handgelenk geschnellt.

Aber mittlerweile kann Robben deutlich mehr - sagt jetzt Lothar Matthäus: "Er bereitet Tore vor, stellt sich in den Dienst der Mannschaft, trifft selbst. Seine Entwicklung, seine Leistungen verdienen höchsten Respekt."

Und gerade gegen Spanien kann auch van Gaals 5-3-2 ein gutes Rezept sein. Die Iberer sind durch ihre lange Zeit an Barcelona geschulte Weise, scheiberlnd recht zentral orientiert, was sich zuweilen sogar in der Scheu - ja Abscheu - geäußert hat, selbst Corner zu flanken.

Das dadurch bedingte Ab- durch-die-Mitte wäre aber ein durchaus gefundenes Fressen für, zum Beispiel Nigel de Jong, einen der Hauptverantwortlichen dafür, dass man noch Monate nach dem WM-Finale 2010 die Niederlande der ballesterischen Niedertracht geziehen hat. Zu Recht. Und zu Unrecht, wie am Freitag in Salvador hoffentlich zu sehen sein wird. Vorsorglich leitet ohnehin ein guter Italiener die Partie: Nicola Rizzoli. (APA, sid, wei)

Nigel de Jong sprach im WM-Finale 2010 gegen Xabi Alonso sehr laut - aber nicht holländisch, wie man nun beweisen will. (APA, sid, wei, DER STANDARD, 13.6.2014)

Technische Daten und möglichen Aufstellungen zum Spiel Spanien - Niederlande bei der 20. Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien:

Gruppe B (1. Runde):

Spanien - Niederlande (Freitag, 21.00 Uhr MESZ, Salvador da Bahia, Arena Fonte Nova Arena, SR Nicola Rizzoli/Italien)

Spanien: 1 Casillas - 22 Azpilicueta, 15 Sergio Ramos, 3 Pique, 18 Alba - 14 Xabi Alonso, 16 Busquets - 21 Silva, 8 Xavi, 6 Iniesta - 19 Costa.

Ersatz: 12 de Gea, 23 Reina - 2 Albiol, 4 Martinez, 5 Juanfran, 10 Fabregas, 17 Koke, 20 Cazorla, 7 Villa, 9 Torres, 11 Pedro Rodriguez, 13 Mata

Teamchef: Vicente del Bosque

Niederlande: 1 Cillessen - 7 Janmaat, 3 de Vrij, 2 Vlaar, 4 Martins Indi, 5 Blind - 6 de Jong, 10 Sneijder, 8 de Guzman - 9 van Persie, 11 Robben

Ersatz: 22 Vorm, 23 Krul - 12 Verhaegh, 13 Veltman, 14 Kongolo - 16 Clasie, 18 Fer, 20 Wijnaldum, 21 Depay, 15 Kuyt, 17 Lens, 19 Huntelaar

Teamchef: Louis van Gaal

  • Van Gaal gibt bei den Niederländern die Kommandos.
    foto: apa/epa/weel

    Van Gaal gibt bei den Niederländern die Kommandos.

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