Signore Pirlo träumt in der Fußballerfabrik

12. Juni 2014, 18:24
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Trotz ihrer schweren Vorrundengruppe gilt Italiens Nationalmannschaft als ein Geheimtipp - Das liegt nicht zuletzt am Lombarden Andrea Pirlo, der pflegt Titelversprechen zu halten

Mangaratiba ist ein kleines Hafenstädtchen an der Rodovia Rio- Santos. Die Straße führt, wie der Name sagt, von Rio nach Santos, über rund 500 Kilometer. Nach Mangaratiba biegt man eigentlich nur ab, um gleich wieder wegzufahren. Mit der Fähre auf die Ilha Grande. Diese Insel ist autofrei, bietet einen der schönsten Strände Brasiliens. Einst war dort ein Gefängnis, eine Art Alcatraz. In den 70ern ist in diesem Häfen das größte Drogenkartell entstanden, es zieht auch heute noch die Fäden - halt von anderswo.

Die Rodovia führt durch eine wunderbare Landschaft, Urwald auf der einen, Meer auf der anderen Seite. Am Straßenrand fallen schwarze Geier über Müllsäcke her, sie sind eben auch Opfer der Zivilisation. Kurz nach Mangaratiba liegt die Abzweigung zum Portobello Resort. Momentan wird sie vornehmlich von Italienern benützt. Denn die Squadra Azzurra hat in der Klubanlage ihr Quartier aufgeschlagen, es ist die Casa Azzurri Brasile geworden. Sie könnte rein optisch auch in Lignano oder Bibione sein. Bis auf die Bananenstauden ist es Little Italy.

Eine Orgel und ein eleganter Mann

Luigi Serrano hat die Hammondorgel mitgebracht, seine Finger streicheln die Tasten, die Stimme ist rau und sanft zugleich, also typisch italienisch. Er ist die Taschenbuchausgabe von Adriano Celentano, nur ein bisserl dicker, dafür jünger. Luigi hat sämtliche Schmachtfetzen drauf, die Spieler lieben ihn. Er stammt aus Kalabrien, tourt mit seiner Orgel um die Welt, war auch schon in österreichischen Skihütten beschäftigt. Sein Repertoire ist ausufernd, er schwört, dass er "Anton aus Tirol" kann. Man glaubt es ihm, rennt weg, damit er nicht in Versuchung gerät. Die italienischen Journalisten werden in der Casa mit italienischem Essen versorgt, Parmesan, Pasta al pomodoro, Prosciutto. Richtigen Espresso gibt es auch, der brasilianische ist nämlich nur unter Androhung von Gewalt zu trinken.

Und dann tritt Andrea Pirlo, das 35-jährige Herz und Hirn der Squadra auf. Italiener haben es an sich, sogar in Badeschlapfen elegant zu wirken. Der Mann kommt nicht einfach zur Pressekonferenz, der 109-fache Internationale erscheint. Sein rabenschwarzer Vollbart lässt ihn grimmig wirken, in Wahrheit ist er durchaus umgänglich. Juventus Turin hat den Vertrag des Lombarden um zwei Saisonen bis 2016 verlängert, Pirlo dankte dem Präsidenten, ohne eine Schleimspur zu hinterlassen: "Das Abenteuer geht weiter."

Abenteuerliche Gruppe

Italien vergnügt sich in der abenteuerlichen Gruppe D mit England, Uruguay und Costa Rica, eröffnet wird am Samstag gegen die Engländer. Gespielt wird in Manaus, das Klima dort ist subtropisch, Pirlo schreckt das nicht. "Man muss halt viel trinken." In der Mitte jeder Halbzeit wird eine kurze Pause eingestreut. "Ich glaube, dass das Niveau nicht leidet, das Tempo wird hoch."

Über die Engländer sagt er, dass sich die Mannschaft im Umbau befinde. "Trotzdem sind noch Stars vorhanden." Er selbst sieht sich nicht als Hero. "Ich bin nur Teil eines großartigen Gesamtpaketes." Ist er natürlich nicht. Pirlo ist die Nummer sechs, er liebt es, knapp vor der eigenen Verteidigung zu gestalten. "Diese Freiheit schätze ich." Die Gegner stellen meist einen Kettenhund für ihn ab, was Pirlo nicht gerade schätzt. "Ich versuche, mich zu befreien. Es liegt in meiner Natur, nicht durchzudrehen." Er schlägt weite Pässe in die Tiefe, da sind richtige Kunstwerke dabei. Seine Freistöße zählen zu den besten und gefährlichsten der Zunft.

Die WM in Brasilien sei jedenfalls ein Traum. "Sie findet in der größten Fußballerfabrik statt. Wir möchten Geschichte schreiben." Die Italiener zählen zu den Geheimfavoriten. Teamchef Cesare Prandelli sagt: "Meine Mannschaft hat genügend Benzin, um bis ins Finale zu kommen." Der deutsche Bundestrainer Joachim Löw gibt ihm recht: "Man kann sich von ihrer Coolness, von ihrer Cleverness und gnadenlosen Effizienz etwas abschauen.

Gebete und Gesang

Der 56-jährige Prandelli ist tiefgläubig, am 25. Juni, dem Tag nach dem letzten Gruppenspiel gegen Uruguay, möchte er zum Wallfahrtsort Aparecida pilgern. Da dieser 200 Kilometer von Mangaratiba entfernt ist, wird er den Großteil der Strecke mit dem Bus bewältigen. Pirlo wird sich die Strapaze sparen.

Italien war viermal Weltmeister. Vor der Endrunde 2006 in Deutschland wurde Pirlo gefragt, was sein Ziel sei. "Der Weltmeistertitel." Pirlo schaffte ihn. 2014 antwortet er auf dieselbe Frage. "Der Weltmeistertitel." Im Team soll jedenfalls Schluss sein. "Ich mache Platz für jüngere Spieler." Marco Verratti (21) von Paris SG gilt als Thronfolger. In Brasilien teilen sie die Regentschaft. "Sollte man mich brauchen, komme ich zurück", sagt Pirlo.

Luigi Serranos ausuferndes Gesangsrepertoire beinhaltet selbstverständlich "We are the Champions". Pirlo kennt den Text. (Christian Hackl aus Mangaratiba, DER STANDARD, 13.6.2014)

  • Andrea Pirlo ist das abgeklärte Gesicht der Squadra Azzurra, Mario Balotelli eher das ungezügelte. Sie passen gut zusammen.
    foto: ap

    Andrea Pirlo ist das abgeklärte Gesicht der Squadra Azzurra, Mario Balotelli eher das ungezügelte. Sie passen gut zusammen.

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