Ein Abbild unserer Befangenheit

12. Juni 2014, 17:01
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Samuel Becketts "Warten auf Godot" in der Neuen Bühne Villach

Villachs Neue Bühne erklärt die Drau jetzt schon im zweiten Sommer zum Spielfluss, dem sie sich hemmungslos hingibt. Das ist insofern erstaunlich, als Samuel Becketts "Warten auf Godot" auf dem Programm steht, das Paradestück des Absurden Theaters, das 65 Jahre auf dem Buckel hat und eine Tonnenlast an philosophischen, theologischen und politischen Interpretationen. Dabei muss man den Text doch eigentlich nur laufen lassen, scheint sich der Schauspieler Franz Robert Ceeh (59) für die erste Regie seines Lebens als Plan zurechtgelegt zu haben.

Das Theater organisierte ihm das, was er im Gespräch seine Wunschbesetzung nennt: als Wladimir Klaus Fischer, als Estragon Peter Uray, der dann allerdings noch getoppt wird von der Noblesse, mit der es Charles Elkins als reicher Pozzo für unverrückbar hält, dass es ein soziales Oben und Unten gibt. Mit ihnen entwickelt sich der Abend zu einem spielfreudigen, humorvollen und äußerst sprachwitzigen Abbild unserer Gefangenheiten im jeweiligen Sein: Da gibt es eine Alternative, die wie die Welt hinter der Scheibe für eine Fliege immer illusionärer wird, je offensichtlicher sie unerreichbar bleibt.

Dann kommt noch der Traum vom Fortschritt dazu, auf dem Drau-Schiff passend, weil unheilverheißend untermalt durch die Original-Motorengeräusche der Titanic - und der Kärntner Eigenbau-Schauspieler Michael Kuglitsch nützt die Gelegenheit, als dressierter Homunculus Lucky das humane Machtvakuum zu füllen, das, zugegeben, auch dieser Godot nicht verhindert, der immer nur durch das wunderbar konzentrierte 16-jährige Villacher Theatertalent Christof Wrussnig ausrichten lässt, dass er heute nicht kommt. Er existiert halt auch jenseits der Scheibe. (elce, DER STANDARD, 13.6.2014) 

Abfahrt Schiffsanlegestelle Congress Center Villach, bis Ende Juni täglich außer Sonntag und Montag, 19.30

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