Neuer Therapieansatz zeigt Erfolge bei halbseitig gelähmten Ratten

15. Juni 2014, 16:08
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Versuchstiere erlangten durch Therapiekombination bis zu 85 Prozent ihrer ursprünglichen motorischen Fähigkeiten wieder

Zürich - Mit einer Kombination aus Reha-Training und einem nervenwachstumsfördernden Wirkstoff haben nach Schlaganfällen halbseitig gelähmte Ratten wieder greifen gelernt. Dies berichten Forscher der ETH und Universität Zürich aktuell im Fachjournal "Science". Tests an Menschen sollen noch in diesem Jahr beginnen.

Die Funktion der Vorderpfoten wurde fast vollständig wieder hergestellt, wie die Forscher schreiben. Bei der erfolgsversprechenden Therapie komme es auf den richtigen Ablauf an: Gelähmte Tiere erholten sich nur dann annähernd vollständig, wenn das Training erst nach der Medikamentengabe begonnen wurde. Bei gleichzeitigem Behandlungsbeginn sei der Erfolg nur gering.

Nervenfaserwachstum

Für die Studie löste das Team um Martin Schwab bei Ratten Schlaganfälle aus, die Teile der Hirnrinde und insbesondere die Bewegungsareale schädigten. Die Tiere waren danach halbseitig gelähmt. Auch bei Menschen kommt es oft nach Schlaganfällen zu derartigen Lähmungen, Sprachausfällen oder Sehstörungen.

Anschließend behandelten die Wissenschafter die Tiere mit Antikörpern, die sogenannte Nogo-Proteine blockieren. Diese hemmen das Wachstum von Nervenfasern; werden sie blockiert, beginnen Nervenfasern in verletzten Bereichen von Gehirn und Rückenmark wieder zu wachsen und Nervenimpulse weiterzuleiten.

Physiotherapie

Zusätzlich wurden die an den Vorderbeinen gelähmten Tiere einem physischen Training unterzogen: Sie übten das Greifen von Zuckerstücken. Diese beiden Maßnahmen erfolgten entweder gleichzeitig oder nacheinander.

Es zeigte sich, dass der zeitliche Ablauf maßgeblich ist: Erhielten die Tiere zuerst Antikörper und wurden danach trainiert, erlangten sie im Schnitt 85 Prozent ihrer ursprünglichen motorischen Fähigkeiten wieder. Erfolgte das Training gleichzeitig mit der Antikörper-Gabe, waren es nur 15 Prozent.

Das sei ein überraschend gutes Resultat, erklärt Martin Schwab. "So eine fast vollständige Erholung wurde bei einem derart schweren Schlaganfall noch nie erzielt."

Geordnete Regeneration

Die Forscher erklären sich das gute Ergebnis damit, dass der frühe Einsatz von Wachstumsstimulatoren viele Nerven nachwachsen lässt. Diese werden dann durch das intensive Training aussortiert und in funktionierenden neuronalen Schaltkreisen stabilisiert.

Erfolgen beide Maßnahmen gleichzeitig, wird der Prozess gestört, das Nervenwachstum ist chaotisch. Die neuen Nerven stammen aus dem Rückenmark und wachsen über Kreuz zu den verletzten Stellen.

Klinische Tests noch heuer

"Das Gehirn hat ein riesiges Potenzial zur Reorganisation und Wiederherstellung seiner Funktionen. Mit den richtigen Maßnahmen zum richtigen Zeitpunkt kann dieses gezielt gesteigert werden", so Schwab. Bisher sei der Rehabilitationserfolg ausschließlich davon bestimmt gewesen, wie viele intakte Nerven beim Patienten noch vorhanden waren.

Mit der Antikörper-Therapie könnten diese nun gezielt zum Wachsen gebracht und danach trainiert werden. Die Wissenschafter bereiten nun einen klinischen Test mit der Kombinationstherapie für menschliche Schlaganfall-Patienten vor. Er soll noch in diesem Jahr in Zürich oder Basel starten. (APA/red, derStandard.at, 15.6.2014)


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Science

  • Eine halbseitig gelähmte Ratte greift nach einem Zuckerstück: Die roten Linien zeigen den Bewegungsablauf vor, die grünen nach der Kombinationstherapie.
    foto: tabea kraus

    Eine halbseitig gelähmte Ratte greift nach einem Zuckerstück: Die roten Linien zeigen den Bewegungsablauf vor, die grünen nach der Kombinationstherapie.

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