Baleareninsel Formentera: Verankert und verwurzelt 

12. Juni 2014, 16:55
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Die Familie Costa lebt seit über 300 Jahren auf Formentera und weiß ganz genau, was die Baleareninsel zu einem der letzten Paradiese im Mittelmeer macht - wenn nur alle ein wenig drauf aufpassen

Miquel Costa ist ein knorriger Typ. Der 67-Jährige erinnert an einen der Feigenbäume, die auf Formentera so grün und stattlich dastehen, mit Holzstützen unter den ausladenden Ästen. Die Bäume zieren das trockene Land, ihr Stamm ist grau und knotig, die Wurzeln reichen tief. "Mein Vater ist Teil der Landschaft", sagt Miquels Tochter Esperanza lachend. Formentera wird als das "letzte Paradies im Mittelmeer" beworben.

Unbarmherzig und gütig

Dabei war die kleinste der bewohnten Baleareninseln immer unbarmherzig gegenüber ihren Bewohnern. Nur ein paar Zentimeter Erde bedecken den Steinboden. Wer dem etwas abringen wollte, musste schwer arbeiten. Das Meer ist umso gütiger. Kristallklares Wasser umspült mehr als 60 Kilometer Küste, die zumeist von hellem, feinem Sand gesäumt ist, ein Glück für die rund 10.000 Einheimischen.

Der Leuchtturm La Mola markiert das Ende des gleichnamigen Hochplateaus im Osten von Formentera. 

800.000 Menschen wollen jedes Jahr ihre Heimat sehen. Zuerst kamen die amerikanischen Hippies, die sich vor dem Vietnamkrieg drücken wollten. Dann französische und deutsche Zivilisationsflüchtlinge, bald deren Kinder und Enkel, heute ist die spanische Insel bei Italienern beliebt.

Jahrhunderte ohne Menschen

Miquel Costa, pensionierter Kellner und Fischhändler, lebt in seinem persönlichen Paradies. Es ist ein Hochplateau an der Ostküste, La Mola genannt, und die Bucht davor, Es Caló. Dort leben die Costas seit Generationen, vermutlich seit 1695. Damals wurde Formentera wieder besiedelt, nachdem Pest und Piraten den Insulanern das Leben schwergemacht hatten. Die gaben schließlich auf, zogen auf die Nachbarinsel Ibiza. Formentera war jahrhundertelang menschenleer. Rund um die einstöckigen Häuser der Brüder stehen Feigenbäume, Marillen sind reif, Paradeiser, Gurken, Zucchini wachsen.

Die Sturmtaucher wurden von den Bewohnern der Insel gejagt. Ihr Fleisch diente als Proteinquelle. Heute stehen sie unter Naturschutz.

Möwen kreischen über den Köpfen und verweisen auf die Nähe des Meeres. Dort, auf der Hochebene, sieht man es nicht, man hört es auch nicht. Es riecht nach staubiger Erde und wildem Thymian. Nur das Salz und die Feuchtigkeit in der Luft, die sich auf Haut und Haare legen, erinnern daran, dass wir auf einer Mittelmeerinsel stehen.

Miquel lebt dort oben mit seiner Frau. Nebenan sein Bruder Santiago mit seiner Frau und der 92-jährigen Mutter. Der Vater ist vor mehr als 30 Jahren verstorben, damals, als es schon Touristen gab, aber die Formenterer noch ihre alten Gewohnheiten pflegten. Die Costas sind Virots, Sturmtaucher. Den Spitznamen tragen alle 500 Bewohner von La Mola, denn an der rund 120 Meter hohen Küste brüten die gleichnamigen Seevögel. Sie sind das Emblem der Insel und haben so manchem Einheimischen das Leben erleichtert. Miquels und Santiagos Vater haben sie es genommen.

Vögel für fehlende Proteine

"Er ist abgestürzt", erzählt Miquel knapp, "beim Ausrauben der Nester." Der Brauch, die Virots bei stockfinstrer Nacht zu fangen, barfuß auf einem kleinen Felsvorsprung der Steilküste stehend, das war mehr als ein abenteuerlicher Zeitvertreib. „Die Vögel haben uns die fehlenden Proteine geliefert“, erzählt Santiago. Wer geschickt war, konnte in einer mondlosen Nacht ein Dutzend Vögel fangen, einfach so, mit den Händen. "Die Virots sehen nicht gut", erzählt Miquel, "wir haben sie im Anflug gefangen, direkt vor ihren Bruthöhlen."

Miquel und sein Vater kletterten dafür eine senkrechte Felswand hinauf - bis zu dem tragischen Vorfall. Seitdem geht Miquel nicht mehr Klettern. Heute ist es sowieso verboten, denn die Vögel sind geschützt. Miquels Mutter Esperanza erinnert sich noch genau an das Rezept für Sturmtaucher-Eintopf. "Die Vögel stinken", sagt sie mit schwacher Stimme, "man muss sie nach dem Rupfen mehrmals in frischem Wasser kochen, bis es nicht mehr nach Fisch riecht. Dann kocht man sie wie Ente: mit Thymian, Orangenschalen, Rotwein und Kartoffeln."

"Wir müssen ihre Schönheit bewahren"

Santiago hat bei der waghalsigen Kletterei an den Felsen nie mitgemacht. Der pensionierte Biologielehrer und Ornithologe sucht keinen Nervenkitzel. Der 61-Jährige denkt lieber nach, zum Beispiel über den drastischen Wandel, den Formentera in den vergangenen 50 Jahren erlebt hat. Er geht gerne wandern, früher oft mit Schülern, im Naturpark Ses Salines. Stelzenläufer, Schwarzhalstaucher, Brandgänse oder Seeregenpfeifer leben dort. Santiago gibt auch im Inselradio immer wieder Interviews zum Thema Klimawandel - dieses Jahr hat es nur 60 Liter pro Quadratmeter geregnet. "Ich liebe meine Insel", sagt er mit tiefer Stimme, "wir müssen sie schützen und ihre Schönheit bewahren."

Miquels Verhältnis zur Natur ist anders. Er schießt gerne Rebhühner und Hasen, hat immer gerne Fische unter Wasser gejagt. Nun, da die Sturmtaucher geschützt sind, betrachtet er sie vom Meer aus. Frühmorgens, auf seinem kleinen Motorboot, fährt er bis zum Leuchtturm von La Mola. Während der Fahrt macht er die dunklen Bruthöhlen ausfindig.

Die Sturmtaucher brüten in dunklen Höhlen wie dieser.

Sturmtaucher sehen wir nicht, aber ein paar Meter weiter steuert Miquel in eine Höhle. Er schaltet den Motor aus. Wir hören Geplätscher und Getröpfel, drehen uns um und blicken auf den Naturhafen Es Caló. Das Meer ruht vor uns, ultramarinblau, smaragdgrün, minzfarben.

Boote, Bucht, Blockade

Vergangenen Sommer haben dort lärmende Partyboote aus Ibiza geankert, in aller Herrgottsfrühe. "Die Leute haben uns den Strand versaut und sind wieder weggefahren", erzählt Miquel mit Grimm in der Stimme. "Wenn sie diesen Sommer wiederkommen, blockieren wir die Bucht mit unseren Booten."

Er und seine Freunde hätten schon einen Plan ausgeheckt, erzählt er. Sein Bruder Santiago sei auch dabei. Der redet sich später, auf seiner weinumrankten Terrasse, in Rage, über Formenteras Tourismusmodell, die zunehmende Asphaltierung der Wege und das Anwachsen der Orte. "Und den Sauftourismus aus Ibiza brauchen wir hier schon gar nicht", sagt er abschließend, "das wäre Formenteras Ende." Nur neun Kilometer trennen Ibiza vom "letzten Paradies im Mittelmeer", eine halbe Stunde im Motorboot. (Brigitte Kramer, Rondo, DER STANDARD, 13.06.2014)

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