Tag gegen Kinderarbeit: NGOs wollen "ein Stück Kindheit" geben helfen

12. Juni 2014, 08:50
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Brasilien: Vor der Schule zur Nussernte - Chile: Information zur Selbsthilfe gegen Ausbeutung

Wien - Rund 85 Millionen Kinder weltweit arbeiten unter gesundheitsgefährdenden und ausbeuterischen Bedingungen. NGOs versuchen die Bedingungen zu verbessern: Im Kindernothilfe-Projekt Protagoniza in der chilenischen Stadt Concepcion erhalten Jugendliche Informationen gegen Ausbeutung. Die Hilfsorganisation "Jugend Eine Welt" unterstützt in Brasilien Kinder, die vor der Schule zur Nussernte gehen müssen.

Armut ist laut Kindernothilfe Österreich fast immer die Hauptursache für Kinderarbeit. Wenn die Eltern krank oder ohne Arbeit sind, wenn nur extrem niedrige Löhne gezahlt werden oder die Ernte ausfällt, dann müssen die Kinder zum täglichen Überleben Geld verdienen. Zeit für Schule oder Freizeit bleibt da meist nicht.

Kaum Zeit für Schule oder Freizeit

Viele der Buben und Mädchen in Concepcion verkaufen an kleinen Ständen auf den Märkten oder leisten Schwerstarbeit bei der Erzeugung und Verarbeitung von Holz. Zeit für Schulaufgaben oder Freizeit bleibt da kaum. Durch die Kindernothilfe erhalten die Kinder nun Betreuung: Die Projektmitarbeiter zeigen den Mädchen und Buben, wie sie sich vor Ausbeutung schützen können und geben ihnen bei Sport und Spiel auch ein wenig ihrer verlorenen Kindheit zurück. Auch mit den Eltern und Lehrern der Kinder wird zusammengearbeitet - sie sollen die Kinder so gut es geht beim Schulbesuch und in ihrer Entwicklung unterstützten.

Die Hilfsorganisation Jugend Eine Welt macht anlässlich des Welttages gegen Kinderarbeit am 12. Juni auf das Problem der weitverbreiteten Kinderarbeit im WM-Land Brasilien aufmerksam: Noch immer müssen dort rund eine halbe Million Kinder im Alter von 5 bis 13 Jahren arbeiten. Die meisten sind in der Landwirtschaft tätig, beispielsweise bei der Ernte von Cashewnüssen, die zu den gefährlichsten Formen von Kinderarbeit zählt.

Ernte von Cashewnüssen

Der brasilianischen Regierung ist es laut Angaben des Brasilianischen Institutes für Geografie und Statistik gelungen, die Anzahl der unter 14-jährigen Kinderarbeiter von 704.000 im Jahr 2011 auf 554.000 im Jahr 2012 zu reduzieren. Doch für die Umsetzung ambitionierter nationaler Programme fehlt den meisten Bundesstaaten das Geld.

Eine von zahlreichen Formen gefährlicher und eigentlich verbotener Kinderarbeit, die insbesondere im armen Nordosten Brasiliens häufig vorkommt, ist die Ernte von Cashewnüssen. Ihre Schale enthält ein Öl, das die Finger schwärzt und die feinen Kapillarlinien wegätzt. Viele Kinder beginnen schon in den frühen Morgenstunden mit dem Brechen der Nüsse, um rechtzeitig in der Schule sein zu können. So können sie zum Familieneinkommen beitragen und ihre Familien verlieren die staatlichen Beihilfen nicht, die an den Schulbesuch der Kinder geknüpft sind. Doch die Chance der bereits völlig übermüdet in der Schule ankommenden Kinder auf Schulerfolg ist begrenzt.

Gesetzliches Verbot reicht nicht aus

"Jugend Eine Welt" unterstützt in Brasilien mehrere Don Bosco-Hilfsprojekte, die benachteiligten Kindern eine Schul- und Berufsausbildung sichern und verhindern, dass sie auf der Straße landen. "Leider ist es nicht damit getan, Kinderarbeit gesetzlich zu verbieten, die Kinder von den Feldern zu holen oder Betriebe besser zu kontrollieren, auch wenn das wichtige Schritte sind", so "Jugend Eine Welt"-Vorsitzender Reinhard Heiserer. Vielmehr müssten die komplexen Ursachen ausbeuterischer Kinderarbeit bekämpft werden, arme Familien die Chance auf ein existenzsicherndes Einkommen bzw. Unterstützung erhalten und soziale Sicherungssysteme besser funktionieren. Zudem wären massive Investitionen ins chronisch unterfinanzierte Bildungssystem ein Gebot der Stunde.

Arbeit auf den Kakaofeldern

Die weltweit erhöhte Nachfrage nach Kakao-Nüssen als Grundlage für die Herstellung von Schokolade-Produkten wirkt sich auch auf die Situation der Kinder in den Anbauländern aus: Laut Bernhard Zeilinger, Leiter der Südwind-Kampagne "Make Chocolate Fair!" profitierten von den Preissteigerungen im Moment nur die Kakaohändler. Die weltweit rund 5,5 Millionen Kakaobäuerinnen und -bauern würden weiterhin ausgebeutet, verarmten und würden Kinder zur Arbeit auf den Kakaofeldern einsetzen, um die Kosten soweit als möglich zu reduzieren. Der Einsatz von Kinderarbeitern ist laut der NGO "Südwind" eine nachweisbare Folge der Niedrigpreispolitik der multinationalen Schokoladenindustrie. Ein erster Schritt wäre die ausschließliche Verwendung von zertifizierten Kakaobohnen von Anbietern wie Fairtrade, UTZ certified oder Rainforest Alliance.

Wie eine Erhebung durch die US-amerikanische Tulane Universität 2011 ergab, arbeiten 820.000 Kinder in der Elfenbeinküste und ca. 1 Million Kinder in Ghana auf Kakaofarmen - jeweils 260.000 in der Elfenbeinküste und 270.000 in Ghana unter Bedingungen, die laut Internationalen Bestimmungen von ILO und UN (ILO Richtlinien 182 und 138, UN Kinderrechtskonvention Artikel 32/1) strengstens verboten sind. Zwar haben sich viele Schokoladekonzerne durch die Unterzeichnung des Harkin-Engels Protokolls 2001 aufgrund des wachsenden Drucks der Zivilgesellschaft selbst verpflichtet sich aktiv gegen Kinderarbeit einzusetzen, doch aktuelle Zahlen zeigen kaum Verbesserungen. (APA, 12.6.2014)

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