Irakische Armee zieht sich aus Kirkuk zurück

12. Juni 2014, 18:32
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Ölstadt unter Kontrolle kurdischer Milizen - ISIS-Kämpfer 90 Kilometer vor Bagdad - Armee erobert Tikrit angeblich wieder zurück

Bagdad - US-Präsident Barack Obama hat der irakischen Regierung Unterstützung im Kampf gegen die vorrückenden islamistischen Extremisten zugesichert. "Unser Team für die nationale Sicherheit prüft alle Optionen", sagte Obama am Donnerstag in Washington. "Ich schließe nichts aus." Der Irak benötige "mehr Hilfe von uns und von der internationalen Gemeinschaft", fügte der Präsident hinzu.

"Wir müssen sicherstellen, dass diese Jihadisten nicht permanent im Irak oder in Syrien Fuß fassen", betonte Obama. Die USA unterstützen den Irak bereits mit umfangreichen Waffenlieferungen und Geheimdienstinformationen. Nach Angaben des Pentagon verkaufte Washington dem irakischen Militär unter anderem Apache-Kampfhubschrauber, F-16-Kampfflugzeuge sowie Hellfire-Raketen. Der US-Kongress berät derzeit über weitere Hilfen im Umfang von einer Milliarde Dollar, darunter Humvee-Geländewagen und Flugzeuge vom Typ AT-6C Texan II. Die US-Armee bildet auch Einheiten des irakischen Militärs aus.

Nach Angaben aus Regierungskreisen in Washington befassen sich die USA derzeit zudem mit einer Bitte der irakischen Regierung, die islamistischen Kämpfer mit Drohnenangriffen zu bekämpfen. Ähnliche Anfragen aus Bagdad wurden in der Vergangenheit negativ beschieden. Angesichts der jüngsten Geländegewinne der Jihadisten könnte Obamas Regierung ihre Haltung aber ändern.

Kirkuk aufgegeben

Die irakische Armee hat am Donnerstag die Ölstadt Kirkuk im Norden des Landes aufgegeben. Kurdische Sicherheitskräfte hätten die Stadt unter ihre Kontrolle gebracht, teilte einer ihrer Sprecher am Donnerstag mit.

Die aufständischen Jihadisten sind mittlerweile bis auf 90 Kilometer an die Hauptstadt Bagdad herangerückt. Kämpfer der sunnitischen Gruppe Islamischer Staat im Irak und Syrien (ISIS) eroberten die Stadt Dhuluiyah nördlich von Bagdad, wie ein Stadtrat, die Polizei und Augenzeugen übereinstimmend berichteten.

Nach Angaben aus Sicherheitskreisen kontrollieren ISIS-Kämpfer auch Teile der Kleinstadt Udhaim. Die Regierungstruppen hätten ihre Stellungen aufgegeben und sich Richtung Chalis zurückgezogen. "Unser Ziel ist Bagdad", sagte ein Stammesführer aus der von den Islamisten eingenommen Stadt Alam. In der Hauptstadt wurden die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt.

"Schlacht wird in Bagdad toben"

Zuvor hatte ein Sprecher der Jihadistengruppe angekündigt, dass es bald auch Kämpfe in Bagdad und im südlichen Kerbela geben werde, wie das auf die Überwachung islamistischer Websites spezialisierte US-Unternehmen SITE am Mittwoch mitteilte. "Noch tobt die Schlacht nicht, aber sie wird in Bagdad und Kerbela toben", sagte der ISIS-Sprecher Abu Mohammed al-Adnani den Angaben zufolge in einer Audiobotschaft, die über Twitter verbreitet wurde. 

Bei ihrer Blitzoffensive waren die Extremisten am Mittwoch weiter nach Süden vorgerückt und hatten nach der Millionenstadt Mossul auch Tikrit unter ihre Kontrolle gebracht. Staatsmedien berichteten wenig später von einer Rückeroberung der Stadt durch Regierungskräfte, die Nachrichtenseite "Al-Sumaria News" meldete unter Berufung auf die Polizei, Tikrit sei "nach gewalttätigen Auseinandersetzungen" wieder unter Kontrolle der Armee. Ministerpräsident Nuri al-Maliki habe zudem einen Luftangriff angeordnet.

Debatte um mögliche US-Unterstützung

Unterdessen bestätigte ein westlicher Regierungsbeamter, dass der Irak Luftschlägen der USA gegen die Islamisten positiv gegenüberstehen würde. Die USA prüfen demnach gegenwärtig, wie sie Bagdad zur Hilfe kommen könnten - Drohnenangriffe seien eine Möglichkeit. Bisher habe der Irak jedoch nicht offiziell um Unterstützung gebeten, hieß es aus US-Verteidigungskreisen.

Die "New York Times" berichtete, dass Maliki die US-Regierung bereits im Mai gebeten habe, Luftangriffe auf sunnitische Extremisten zu erwägen. Der Zeitung zufolge haben die USA die irakische Bitte nach militärischer Unterstützung zurückgewiesen.

Die Regierung in Bagdad habe gehofft, dass mit amerikanischer Hilfe Sammelpunkte und Übungsgebiete der Rebellen getroffen werden könnten, hieß es. Außerdem sollte demnach verhindert werden, dass die sunnitischen Kämpfer von Syrien aus in den Irak gelangen. Das Blatt berief sich auf US-Experten, die im Irak zu Besuch waren.

Parlament nicht beschlussfähig

Am Donnerstag wollte das irakische Parlament über die Forderung Malikis entscheiden, den Notstand zu verhängen und damit einer Ausweitung der Befugnisse für den schiitischen Regierungschef zuzustimmen. Die Beratungen scheiterten jedoch, weil zahlreiche Abgeordnete der Sitzung fernblieben, wie staatliche irakische Medien berichteten. Somit sei das Mindestquorum für ein beschlussfähiges Plenum nicht erreicht worden - die Entscheidung wurde daher vertagt.

Der UN-Sicherheitsrat hat unterdessen die Einnahme von Mossul durch die radikalen Islamisten verurteilt. Das Gremium forderte am Mittwoch zudem die sofortige Freilassung türkischer Geiseln im Irak. Das türkische Konsulat in Mossul war zuvor von den Jihadisten eingenommen worden, die Angreifer nahmen 49 Mitarbeiter als Geiseln.

Türkei verhandelt über Freilassung

Die türkische Regierung verhandelt nach eigenen Angaben über die Freilassung von 80 Staatsbürgern. Regierungsvertreter erklärten am Donnerstag, sie könnten Medienberichte nicht bestätigen, denen zufolge die Geiseln bereits freigelassen wurden: "Die Verhandlungen gehen weiter." Der Vorsitzende des türkischen Speditionsverbands, Cetin Nuhoglu, sagte der Nachrichtenagentur Reuters, die 31 Fernfahrer unter den Festgenommenen seien wieder frei. Allerdings könnten sie wegen der Sicherheitslage in Mossul die Region nicht verlassen.

Die türkischen Staatsbürger waren in Gefangenschaft geraten, als die ISIS-Kämpfer am Dienstag Mossul einnahmen. Die türkische Regierung hatte mit harter Vergeltung für den Fall gedroht, dass ihnen etwas zustoße.

Militäreinsatz wird geprüft

Derzeit prüft die Türkei die rechtlichen Voraussetzungen für einen Militäreinsatz im Nachbarland. "Die Diskussion dreht sich unter anderem um die Frage, ob das bisherige Mandat ausreicht oder ob ein neues Mandat benötigt wird", sagte Justizminister Bekir Bozdag am Donnerstag. Derzeit arbeite die Regierung aber nicht an einem neuen Mandat. Das türkische Parlament hat die Regierung dazu ermächtigt, das Militär gegen kurdische Rebellen im irakischen Grenzgebiet einzusetzen. Dieses Mandat läuft im Oktober aus.

Auf Antrag der Türkei hatte die NATO zudem am Mittwochabend über die Entwicklung im Irak beraten. Diplomaten sagten am Donnerstag, bei dem Treffen habe es keine Wünsche der Türkei nach Unterstützung durch die NATO gegeben. Die Mitglieder verfolgten die Lage "sehr gründlich und mit großer Besorgnis". (APA, 12.6.2014)

  • Am Mittwoch begannen Soldaten der irakischen Armee bereits mit ihrem Rückzug aus Kirkuk.
    foto: reuters/stringer

    Am Mittwoch begannen Soldaten der irakischen Armee bereits mit ihrem Rückzug aus Kirkuk.

  • Mittlerweile ist Kirkuk zur Gänze unter der Kontrolle kurdischer Milizen (im Bild).
    foto: reuters/ako rasheed

    Mittlerweile ist Kirkuk zur Gänze unter der Kontrolle kurdischer Milizen (im Bild).

  • Ein ausgebrannter Panzer der irakischen Armee am Donnerstag in Mossul.
    foto: ap photo

    Ein ausgebrannter Panzer der irakischen Armee am Donnerstag in Mossul.

  • Ausschnitte eines nördlich von Tikrit aufgenommenen Videos der ISIS-nahen Gruppe "Irakische Revolution".
    foto: ap photo/iraqi0revolution via ap video

    Ausschnitte eines nördlich von Tikrit aufgenommenen Videos der ISIS-nahen Gruppe "Irakische Revolution".

  • Ein irakisches Mädchen, das mit seiner Familie aus Mossul geflohen ist und jetzt in einem Flüchtlingscamp in Erbil nördlich von Bagdad Schutz sucht.
    foto: ap photo

    Ein irakisches Mädchen, das mit seiner Familie aus Mossul geflohen ist und jetzt in einem Flüchtlingscamp in Erbil nördlich von Bagdad Schutz sucht.

  • ISIS-Kämpfer am Mittwoch in Tikrit - mittlerweile soll die Armee wieder die Kontrolle über die Stadt haben.
    foto: ap photo

    ISIS-Kämpfer am Mittwoch in Tikrit - mittlerweile soll die Armee wieder die Kontrolle über die Stadt haben.

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