Zwischen Spektroskop und Phaser

14. Juni 2014, 18:02
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Karin Föttinger beobachtet chemische Reaktionen auf Nanostrukturen

Ihr Forschungsobjekt kann Karin Föttinger in den Koffer packen. Begleitpapiere für die blauen und schwarzen Pulver vorausgesetzt, spricht nichts gegen einen gemeinsamen Flug. In handlichen Schraubgläsern nimmt sie Kobaltoxid in Form von Nanostäbchen und -kugerln mit nach Berlin, wenn sie sich wieder einmal erfolgreich um eine Woche Messzeit am Synchrotron des Helmholtz Zentrums beworben hat.

Die dortige Anlage names Bessy II erzeugt die notwendige Strahlung, um auf der Oberfläche von Nanostrukturen katalytische Prozesse in Aktion zu beobachten. Katalysatoren sind Stoffe, die gewünschte Reaktionen beschleunigen oder effizienter ablaufen lassen. Breite Anwendung fand das Prinzip etwa zur Behandlung von Autoabgasen.

"Viele Vorgänge in der Natur passieren an reaktiven Oberflächen. Um Reaktionsplätze auf einer Nanostruktur zu erkennen, braucht es spektroskopische Versuchsaufbauten", erläutert Föttinger. In selbstgebauten Reaktionszellen arbeitet der Katalysator unter realistischen Bedingungen, und "wir sehen dabei zu, wie sich das Material während der Arbeit verhält", erklärt die 37-jährige Oberösterreicherin.

Die Spezialistin für Physikalische Chemie am Institut für Materialchemie der TU Wien widmet sich dem umweltrelevanten Abbau chlorhältiger Schadstoffe im Boden und im Grundwasser, von Nitrat in Trinkwasser sowie der bestmöglichen chemischen Speicherung, Freisetzung und Aufreinigung von Wasserstoff.

Karin Föttinger entwickelt selbst keine Katalysatoren. Sie findet in Kooperationen heraus, warum von anderen ersonnene Materialien funktionieren und wie diese sich weiter verbessern lassen. Sie habilitierte sich Ende 2013 und hat seit Februar 2014 eine unbefristete Laufbahnstelle samt Qualifizierungsvereinbarung: "Es war eine große Erleichterung, kein Ablaufdatum mehr zu haben. Allerdings habe ich mehr Lehre, mehr Administration und kümmere mich weiterhin um die Finanzierung meines Teams und unserer Forschung."

Als sie aus Schalchen bei Mattighofen nach Wien ging, um Technische Chemie zu studieren, zeigten ihr alle den Vogel. Sie war nicht der Typ Chemiebaukasten, hatte eine neusprachliche AHS absolviert und keinen naturwissenschaftlichen Hintergrund. In der Messchemie fand sie dennoch ihre Bestimmung, weil sie gerne Vorrichtungen ertüftelt, ausprobiert und sich tief in Zusammenhänge hineindenkt.

Mit einem Bein seit fast 20 Jahren an der TU verankert, forschte sie auch in Ungarn, Deutschland, Schottland, der Schweiz und Spanien. Besonders motiviert hat sie die Zeit an der ETH Zürich: "Dort konnte ich mich stark auf das Warum und Wie meiner Forschung konzentrieren. Hier muss ich wieder mehr überlegen, wo ich Geld und Ersatzteile herbekomme."

Seit 2013 engagiert sie sich zudem "mit Maß, Gefühl und Diplomatie" im konfliktreichen Geschäft der Gleichbehandlungsgremien. Ausgleich bieten ihr Bewegung in der Natur, Reisen, Rollenspiele und Scifi-Literatur: "Für mich ist der Phaser in der Arbeit ja nicht weit, aber ein Transmitter wäre auch nicht schlecht" - um zum Beispiel ihren Partner in Vöcklabruck oder das Traumziel Patagonien rascher zu erreichen. (Astrid Kuffner, DER STANDARD, 11.6.2014)

  • Karin Föttinger tüftelt gern an Versuchsaufbauten.
    foto: tu wien

    Karin Föttinger tüftelt gern an Versuchsaufbauten.

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