Auf Felipão lastet der Druck der ganzen Nation

11. Juni 2014, 18:17
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Luis Felipe Scolari ist Trainer der brasilianischen Nationalmannschaft und ein populärer Mann im Lande

Es war vor einem Jahr beim Confed Cup, als die Bevölkerung bei landesweiten Protesten neben Korruption und Misswirtschaft auch die hohen Kosten der Fußball-WM anprangerte. Das bekam auch die fußballinteressierte Weltöffentlichkeit mit. Brasiliens Nationalcoach Luiz Felipe Scolari verpasste seinen Spielern keinen Maulkorb, ließ sie, sofern sie wollten, Stellung nehmen zu den Demonstrationen im Land. "Die Seleção ist das Volk", sagte der 65-Jährige. Die Unterstützung der Bevölkerung ist ihm auch ein Jahr nach dieser Aussage gewiss.

Auf Felipão, den Großen Felipe, wie er seit Brasiliens Triumph bei der WM 2002 gerufen wird, lastet der Druck einer ganzen Nation. Sie fordert wie selbstverständlich den sechsten Titel im eigenen Land. Scolari, dem zu drei Vierteln Gene Hackman aus dem Gesicht schaut, lässt das kalt. Und er verweist gerne auf 2002: Vor dem fünften Titel verbrachte er den Vorabend vor der Kadernominierung sicherheitshalber im Hotel. Dass er auf Goalgetter Romário verzichtet hatte, stieß auf großes Unverständnis.

Andererseits standen Scolari damals auch Spieler wie Ronaldo, Rivaldo, Cafu und Roberto Carlos zur Verfügung. 2014 vermag in Brasiliens Kader vorerst keiner außer Superstar Neymar herauszustechen. Dass Scolari aus der Einheit des Teams das Beste herausholen kann, stellte der gewiefte Taktiker aber schon mit dem Sieg beim Confed Cup unter Beweis.

Eher Dirigent als Geiger

Luiz Felipe Scolari kam am 9. November 1948 in Passo Fundo, im südlichen Bundesstaat Rio Grande do Sul, als Kind italienischer Einwanderer zur Welt. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne. Als Kicker war er selbst weniger begnadet, fehlende Technik machte der rustikale Innenverteidiger mit Moral und Einsatz wett.

1987 wechselte er auf die Trainerbank, 2002 wurde er als Weltnationaltrainer geehrt. Dann übernahm er Portugal und führte das Team um Cristiano Ronaldo 2004 ins Finale der Heim-EM, das Griechenland 1:0 gewann. Vor diesem WM-Start muss Felipão private Tragödien verkraften - vor drei Wochen starb sein Schwager, am Dienstag verunfallte ein Neffe tödlich.

Mit seiner Meinung hält Scolari nicht hinter dem Berg: Seine Abneigung gegen Homosexuelle, die er niemals in seinem Team dulden würde, brachte ihm eine Klage wegen Diskriminierung ein. Seiner aktuellen Mannschaft verbot er vor der WM "Akrobatik-Sex" - aus Angst vor Verletzungen. "Aber wenn es normaler Sex ist, in Ordnung." (David Krutzler, DER STANDARD, 12.6.2014)

  • Luis Felipe Scolari soll den sechsten WM-Titel klarmachen
    foto: ap

    Luis Felipe Scolari soll den sechsten WM-Titel klarmachen

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