Die schwere Mission zum vierten Stern

11. Juni 2014, 17:40
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Deutschland bereitet sich in exquisiter Umgebung auf ein schweres Turnier vor. Schwer vor allem deshalb, weil der Griff nach den Sternen immer ein auf der Hand liegendes Ziel ist. Die Mannschaft und ihr Trainer sind über die Jahre zusammengewachsen

Santo André / Wien - Ottmar Hitzfeld coacht zwar die Schweizer aus Gruppe E, redet aber gern über die Deutschen aus Gruppe G. Und diesbezüglich sagt er: "Deutschland ist nicht der große Favorit." Und zwar, "weil noch nie ein Europäer in Südamerika Weltmeister wurde". Die Verletzten seien zwar ein Problem für Sammler (Panini ersetzt Marco Reuss und 70 andere Verletzte bzw. Nichtnominierte durch Sonderdrucke), nicht für Teamchefs, schon gar nicht für Joachim Löw: "Man darf nie jammern. Dafür hat Deutschland einen sehr großen Kader", sagt der und fokussiert sich gerade im luxuriösen, von feinster Natur umzingelten Campo Bahia in Santo André, direkt am Atlantik. Das Motto ist auch schon ausgegeben: vierter Stern nach 1954, 1974 und 1990. Löw packt diesbezüglich sein aufmunterndstes Schwarzwälderisch aus, die Sprache mit Kirsche.

Unlängst noch hat der deutsche Bundestrainer vom angepeilten "Vollgasfußball" gesprochen. "Wenn es losgeht, werden wir den WM-Turbo zünden." Nunmehr erinnert er sich an 2006 und 2010 und weiß, dass bei WM-Spielen "die Dramatik ins Unermessliche steigt", proportional dazu leider auch der Blutdruck. "In jedem Turnierspiel weißt du als Trainer, dass in 90 oder 120 Minuten alles zu Ende sein kann."

Die Hose

Fürs Weiterkommen "zählen auch Tagesform und Glück" und Nichtverletzungen auch. "Es gibt kein Patentrezept für einen Titelgewinn." Auch der Vollgasfußball kann - man bräuchte diesbezüglich nur Sebastian Vettel fragen - zuweilen in die Hose gehen.

Und wenn das passiert, dann ist die Trainingshose im Zentrum der Aufmerksamkeit: "Wenn eine Fußballnation wie Brasilien, Argentinien, Spanien, Italien oder eben Deutschland in der Vorrunde ausscheidet, dann ist doch klar, dass sich dann die Kritik auf den Trainer fokussiert. Ich kann das alles realistisch einschätzen."

Aber den Realismus will Löw nicht bis in den Pessimismus treiben. Auch die Hitzfeld'sche Schwarzmalerei beschäftigt ihn nicht sehr: "Unser Ziel ist, dass wir den Fans in der Heimat gute Gründe liefern, dass sie in diesem Sommer viel feiern können."

Fan-Million

Die angereisten und noch anreisenden Fans dürfen sozusagen in Echtzeit am Echtort feiern. Dazwischen gibt es Mischformen. Eine davon ist die 20 mal 30 Meter große Flagge, die Eifrige mit Fotos deutscher Fans bedrucken und über den Atlantik senden wollen. "Wir bringen so eine Million Fans nach Brasilien", sagt der Sprecher der Aktion. Ab dem Achtelfinale sollen die G'sichter im Choreografie-Einsatz sein, Löw und die Seinen wissen beim Badkick am Luxus-Strand also, worum es geht.

Ein erster Schritt erfolgt am Montag um 18 Uhr (MESZ) gegen Portugal. Offen ist, wer im Mittelfeld die Konstruktivdrehscheibe bedienen soll. Hier wiglwogelt es nicht nur zwischen Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira, denn: "Beide sind nicht am Maximum." Also ließe sich auch jene Variante denken, die zuletzt Pep Guardiola bei Bayern gern intoniert hat, die mit Philipp Lahm, den Löw sowieso am liebsten, sagt er, klonen würde, weil rechts hinten braucht er ja auch wen.

Guardiola hat Lahm in seiner Offensiv-Variante ins Spiel gebracht. Gegen Portugal ist es fraglich, ob Löw das wagt - gegen diesen linken Flügel. Jedenfalls ist diese vierte die letzte WM für den deutschen Kapitän. Sebastian Vettel - weil von ihm schon die Rede war - ist jedenfalls zuversichtlich. Deutschland werde Weltmeister. Philip Lahm: "Dann lassen wir es krachen." Na dann. (sid, red, DER STANDARD, 12.6.2014)


  • Joachim Löw (r.) ließe Philipp Lahm gerne klonen. Vor allem zum Auftakt gegen  Portugal am Montag könnte der Trainer seinen Kapitän fast an allen  Ecken und Enden brauchen.
    foto: ap/schrader

    Joachim Löw (r.) ließe Philipp Lahm gerne klonen. Vor allem zum Auftakt gegen Portugal am Montag könnte der Trainer seinen Kapitän fast an allen Ecken und Enden brauchen.

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