Zweifel verschwinden, Zweifel bleiben

11. Juni 2014, 17:43
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Ist der Ball hinter oder vor der Linie? Das menschliche Auge kann es nicht immer erkennen

Rio de Janeiro - "Ich begrüße die Einführung der Torlinientechnik", sagt Geoff Hurst. 1966 hat er einen der berühmtesten Treffer der Fußball-Geschichte erzielt: das "Wembley-Tor". Es war der Treffer zum 3:2 in der Verlängerung des WM-Finales gegen Deutschland. "Nicht im Tor! Kein Tor!", hatte der deutsche Reporter Rudi Michel damals gerufen. Er hatte recht. Der sowjetische Linienrichter Tofik Bachramow sah es anders. England gewann 4:2, wurde Weltmeister.

Hurst Humor

"Wenn es diese Technik schon vor 50 Jahren gegeben hätte, wäre es klar gewesen, dass mein Ball mindestens einen Fuß hinter der Torlinie aufgekommen ist", sagt Hurst. Er meint es nicht ganz ernst. Ernst gemeint ist die Torlinientechnologie, die in Brasilien ihre WM-Premiere erlebt. Erfolgreich getestet wurde das System der deutschen Firma GoalControl schon beim Confed-Cup und bei der Klub-WM im Vorjahr.

Letztlich ausschlaggebend für die Einführung war ein anderes Tor. Im WM-Achtelfinale 2010 zwischen Deutschland und England landete ein Schuss von Frank Lampard zunächst an der Latte, dann hinter der Torlinie. Schiedsrichter Jorge Larrionda sah es anders. Es wäre der Treffer zum 2:2 gewesen. England verlor 1:4.

Bauch vs. Technik

"Torlinientechnik ist eine Notwendigkeit", sagte Fifa-Präsident Joseph S. Blatter 2012. Die Idee hinter der Innovation sei, so der Weltverband, die Schiedsrichter zu schützen. Das gilt wohl auch für den Spray, mit dem die Referees bei Freistoß-Entscheidungen den genauen Tatort markieren können. Platziert ein Spieler im Rücken des Referees den Ball um, fällt's also auf. Der versprühte Schaum verschwindet nach einigen Minuten.

Sämtliche Zweifel können die neuen Technologien freilich nicht ausräumen. "Man trifft zumindest die Hälfte der Entscheidungen aus dem Bauch oder aus der Erfahrung heraus, und nicht weil man sich hundertprozentig sicher ist", sagte Bundesliga-Schiedsrichter Gerhard Grobelnik heuer in einem Standard-Interview. (sid, rie, DER STANDARD, 12.6.2014)

  • Mit einem Spray wird der Freistoßpunkt markiert und Schummeleien vorgebeugt.
    foto: ap / hassan ammar

    Mit einem Spray wird der Freistoßpunkt markiert und Schummeleien vorgebeugt.

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