Für Menschenrechte Partei ergreifen

11. Juni 2014, 17:43
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Behauptete Objektivität sei im Journalismus "naiv" oder "eine Lüge", sagt die deutsche Journalistin und Kriegsberichterstatterin Carolin Emcke. Sie will den Opfern von Krieg und Gewalt ihre Individualität und damit ihre Menschenwürde wiedergeben

Salzburg - Vor jedem Gewaltausbruch, vor realen kriegerischen Auseinandersetzungen würden Menschen meist "in Gruppen sortiert" und nicht mehr als Individuen wahrgenommen. Auch aktuell sei in Europa eine "rhetorische Eskalation der Missachtung und Verachtung" feststellbar, diagnostiziert die ehemalige Spiegel-Auslandsjournalistin und Kriegsberichterstatterin Carolin Emcke.

Die Rechtspopulisten, die eben ins europäische Parlament eingezogen seien, hätten eine solche "Rhetorik, die zwar ummantelt aber nicht weniger sichtbar fremdenfeindlich ist", fasste die Publizistin aktuell feststellbare "beunruhigende" Mechanismen und Ideologien im Rahmen einer von der Universität Salzburg veranstalteten "Salzburger Vorlesung" im Gespräch mit Ö1-Journalistin Renata Schmidtkunz und Standard-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid kurz zusammen. Das sei zwar kein Krieg, aber eine Zunahme von Verrohung und Abwertung der Individualität.

Die Wahrnehmung von Menschen als Individuum ist ein Schlüsselgedanken im journalistischen Tun von Emcke. Als Journalistin will sie sich dabei von einer vorherrschenden Tradition des journalistischen Selbstverständnisses klar "abgrenzen". Die Konvention von Distanziertheit, Objektivität, sich niemals mit einer Sache gemeinmachen, wolle sie "unterwandern". Das sei "im besten Fall naiv", im schlechtesten Fall "eine große Lüge."

Gerade bei der Berichterstattung über kriegerische Konflikte könne man nicht distanziert sein. "Krieg unterscheidet nicht, ob man Teil der lokalen Bevölkerung ist, oder zugereist." Man komme auch in Situationen, in denen man selber betroffen ist. Und was die Objektivität angeht: Natürlich mache sie sich "mit Menschenrechten, mit der Genfer Konvention gemein." Das bedeute aber nicht, sich mit einer der Parteien gemeinzumachen.

Glaubwürdigkeit

Emcke plädiert dafür, dass Journalisten zugeben, in welchen Fällen sie subjektiv betroffen waren, was man selbst in ein Krisengebiet mitbringe und warum man zu bestimmten Einschätzungen komme. "Das erhöht die Glaubwürdigkeit", die Leser und Zuseher solle man nicht unterschätzen. Sie würden eine Transparenz im Text oder im Film "sehr gut aushalten". Mindestens so wichtig wenn nicht viel wichtiger wie die potenzielle Wirkung ihrer Texte bei der hiesigen Öffentlichkeit, sei mit den von Kriegshandlungen Betroffenen "vor Ort zu sitzen".

Die Opfer von Krieg und Gewalt würden, in allen Gegenden der Welt, sie nicht um Geld oder Essen bitten, sondern, dass man ihre Geschichte aufschreibe. Extreme Entrechtung und Gewalterfahrung stellten ja eine Anomalie dar, "wir rechnen nicht damit, dass wir misshandelt, gefoltert und eingesperrt werden." Menschliche Würde scheine aber nur in der Anerkennung durch einen anderen auf. Emcke nennt dies "Zeugenschaft in der Situation selbst"; für sie eine "ethische Aufgabe". (Thomas Neuhold, DER STANDARD, 12.6.2014)

"Im Gespräch" mit Carolin Emcke, Renata Schmidtkunz und Alexandra Föderl-Schmid. Die Aufzeichnung wird am Donnerstag, 21 Uhr, auf Ö1 gesendet.

  • Wie über Krieg berichten? Alexandra Föderl-Schmid, Carolin Emcke, Renata Schmidtkunz (v. li.) debattieren an der Uni-Salzburg.
    foto: standard/huber

    Wie über Krieg berichten? Alexandra Föderl-Schmid, Carolin Emcke, Renata Schmidtkunz (v. li.) debattieren an der Uni-Salzburg.

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