Vom höchsten Berg zum Kern der Dinge

11. Juni 2014, 17:39
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Sie war die erste Frau Mazedoniens auf dem Mount Everest. Nun will Alina Arsova in ihrer Heimat ein Zeichen für nachhaltigen Tourismus setzen. Indem sie Anleitungen zum sinnvollen Verwerten von Müll gibt, trägt sie zur Bewahrung der Umwelt bei

Ohrid - "Nichts ist unerreichbar," sagt Alina Arsova und lächelt. Während des Gesprächs behält sie eine Reisegruppe im Auge, die aus gesammelten leeren Plastikflaschen ein Boot zusammenbaut. Als akademische Künstlerin und erfahrene Bergsteigerin hat sie einen Weg gefunden, ihre Leidenschaften mit nachhaltigem Tourismus zu verbinden.

Seit einem Jahr betreibt Arsova ein Hostel am Ohridsee in Mazedonien, einem der ältesten Seen der Welt. Dieser begeistert nicht nur Geologen und Biologen durch seine spezifische Zusammensetzung an Gesteinen und Vegetation, sondern auch aufgrund seiner ruhigen Atmosphäre. 365 sakrale Orte und Berglandschaften umgeben den See, Rosmarinhecken und Mohnblumen komplettieren im Frühsommer das Bild.

Elemente von Kunst und Abenteuer

Im ehemaligen Wochenendhaus ihres Großvaters hat Arsova ein Gästehaus eröffnet, in dem die 31-Jährige ihre Geschäftsidee "Art and Adventure" umsetzen kann. In Workshops kombiniert sie die Elemente von Kunst und Abenteuer unter der Prämisse der Umweltbildung. Praktisch gesehen leitet sie Menschen dazu an, Müll sinnvoll wiederzuverwerten.

So werden beispielsweise Bierdosen zu Aschenbechern, Autoreifen zu Spiegel oder eben leere Plastikflaschen zu Paddelbooten umfunktioniert. Die Materialen werden in der Umgebung gesammelt. Auf diese Weise wird die Natur gleichzeitig von Abfällen gesäubert.

Schönster Ort der Welt

Arsova ist eine Vertreterin der jungen, international erfahrenen Generation Südosteuropas, die nach Jahren im Ausland beschlossen hat, wieder in ihrer Heimat Fuß zu fassen: "Nach 15 Ländern und fünf Kontinenten habe ich erkannt, dass der schönste Ort der Welt in Ohrid ist. Mein Umfeld ist hier vielfach von Unachtsamkeit und Übergangslösungen geprägt. Ich möchte beispielgebend dafür sein, dass es auch anders gehen kann", sagt sie.

Mediale Aufmerksamkeit bekam Arsova vor allem durch ihre Besteigung des Mount Everest im vergangenen Jahr. Sie bezeichnet diese Aktion als großen Moment in Mazedoniens Nationalgeschichte. Gleichzeitig ist die durchtrainierte Frau bodenständig geblieben. Ihre Bergerfahrungen haben sie entsprechend geprägt: "Jeder Berg fordert den Geist spielerisch heraus. Die Zeit, die man für seine Besteigung hat, ist beschränkt. Die eigenen Bedürfnisse müssen auf dem Berg heruntergeschraubt werden, man muss sich stark zurücknehmen."

Der Name ihres Hostels, Ikar, setzt sich aus ihren Familiennamen Ilievski, Kalevski und Arsovi zusammen; im Mazedonischen bezeichnet er gleichzeitig die mythologische Figur des Ikarus.

Gipfel bezwingen

"Für mich ist Ikarus der Inbegriff von Freiheit, da er es als erster Mensch versucht hat, mit seinen Flügeln in den Himmel zu fliegen. Nicht in sich gefangen zu sein, sondern das zu tun, was man wirklich möchte, ist meine Lebensphilosophie. Jeder hat seinen eigenen Gipfel zu bezwingen, auch wenn es nicht für jeden der Mount Everest sein muss."

Neben ihrem Drang nach neuen Taten, greift Arsova auch gern Elemente der Vergangenheit auf. Sie beließ die Einrichtung ihres Hostels nahezu gänzlich so, wie sie sie vorgefunden hatte. Das Mobilar aus den 1970er-Jahren wurde nur teilweise behutsam adaptiert und vermittelt Vintage-Charakter. Im ersten Stock hängt eine selbsterstellte Collage: Eine Weltkarte, zusammengesetzt aus Visa, die sie als mazedonische Staatsbürgerin nach wie vor für fast alle Staaten der Welt benötigt.

Vier der Seven Summits geschafft

Eigentlich könnte sich Alina Arsova mit Tourismus und Kunst zufriedengeben. Ähnlich wie so viele andere Bergsteiger lassen sie die Gipfel aber nicht los. Vier der Seven Summits hat sie bereits geschafft. Die Silhouetten des Matterhorn, Aconcagua, Ama Dablam und Mount Everest hat sie am linken Bein eintätowiert.

"Ich bin nach wie vor eine Reisende, es ist wie eine Sucht. Mein neues Ziel ist der höchste Berg Europas, der Elbrus in Russland." Eben dorthin macht sie sich derzeit auf, um den nächsten Gipfel der Seven Summits zu erklimmen. (Eva Gänsdorfer aus Ohrid, DER STANDARD, 12.6.2014)

  • Der Ohridsee vor der angezuckerten Galicica-Gebirgskette in Mazedonien,  wo Tourismus nachhaltiger gestaltet werden soll.
    foto: epa/babani

    Der Ohridsee vor der angezuckerten Galicica-Gebirgskette in Mazedonien, wo Tourismus nachhaltiger gestaltet werden soll.

  • Seit einem Jahr betreibt Arsova ein Hostel am Ohridsee in Mazedonien, einem der ältesten Seen der Welt.
    grafik: der standard

    Seit einem Jahr betreibt Arsova ein Hostel am Ohridsee in Mazedonien, einem der ältesten Seen der Welt.

  • Alina Arsova beim Sammeln von Plastikflaschen für den Bootsbau danach.
    foto: theresia reinhold

    Alina Arsova beim Sammeln von Plastikflaschen für den Bootsbau danach.

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