Was ist von der WM zu erwarten?

Interview11. Juni 2014, 17:20
164 Postings

Harald Katzmair und Helmut Neundlinger erforschen den Fußball für den STANDARD - auch bei der WM 2014

STANDARD: Was ist von der WM in Brasilien zu erwarten?

Neundlinger: Die erste Frage ist, wie sich die sozialen Proteste auf die WM auswirken. Das betrifft vor allem das Gastgeberteam. Teamchef Scolari hat beim Confed-Cup richtig reagiert, indem er den Spielern keinen Maulkorb verpasste. So konnten sich einige mit den Protesten solidarisieren und zeigen, dass sie nicht bloß abgehobene, superreiche Stars sind, sondern Menschen, die aus teils armen Verhältnissen stammen. Für die Spieler wird es trotzdem schwer, da beides von ihnen erwartet wird: der Titel und die politische Solidarität.

Katzmair: Die Asymmetrie zwischen "have" und "have not" ist dort gigantisch. Fußball hat immer Bezug zum Umfeld gehabt, sozial, ökonomisch, von mir aus auch ökologisch, weil eine Erdung da war. Der moderne Fußball hat das aufgehoben. Die Nationalmannschaften haben eben enorm an Bedeutung verloren, die Frage ist, wie es gelingt, das für die WM zu reanimieren. Da braucht es schon eine Neuschreibung, wie sie den Deutschen etwa 2010 gelungen ist. Entweder es ist bloß ein Theater des Nationalen wie der Song Contest, oder es entsteht eine Botschaft. Möglich ist aber auch, dass es gar keine besondere WM wird, weil sie mit Brasilien an sich nur wenig zu tun hat.

STANDARD: Wie manifestiert sich der Unterschied zwischen den Topklubs und den Nationalteams?

Katzmair: Einige Vorrundenspiele werden enttäuschend sein. Da wird man auf den Boden der Realität geholt. Dazu kommt, dass die Auslaugung der Spieler am Ende der Saison groß ist. Im Klubfußball nimmt die Zahl der Pässe, die Zahl der Ballkontakte, vor allem aber das Spiel ohne Ball immer weiter zu. Das hat zur Folge, dass die Spieler immer müder zu einer WM kommen. Wir werden bei der WM jedenfalls nicht das Niveau sehen, wie es Bayern München zur Saisonmitte zeigte.

Neundlinger: Andererseits gibt es Teams wie das belgische, das Spieler vereint, die sich zu einem guten Teil schon aus den Nachwuchsakademien oder -nationalteams kennen. Da wächst eine mit den Spaniern vergleichbare Vertrautheit heran, die es durchaus mit der Eingespieltheit von Spitzenklubs aufnehmen kann.

STANDARD: Ist die Leistungsdichte im Klubfußball nicht positiv?

Katzmair: Die Leistungsdichte hat sich weiter auf wenige Vereine konzentriert. Auf die konzentrieren sich auch die Einnahmen aus Sponsoring und Fernsehgeldern. Wir erleben eine Steigerung der Exzellenz im Zentrum. Die Vereine in der Peripherie, das werden zwangsläufig immer mehr, leben dann vor allem von den Spielern, die ins Zentrum verkauft werden können. Wo aber die Zentralisierung zunimmt, nimmt die Polarisierung zu, ein Problem auch der Deutschen. Da gibt es Bayern und Dortmund. Und sonst? Die Peripherie gerät immer mehr unter Druck.

STANDARD: Wird man taktische Neuerungen gegenüber der WM 2010 in Südafrika sehen?

Neundlinger: Eine wesentliche Entwicklung sehe ich in der Kultivierung des Pressings. Da stößt unsere Analyse an ihre Grenzen, denn das konsequente kollektive Attackieren des ballführenden Spielers bildet sozusagen 'unsichtbare' Netzwerke, die sich wie ein Negativ ins darstellbare Passnetzwerk einschreiben. Dass wir heuer erstmals zusätzlich auch die Zweikampfbeziehungen darstellen, wird diesbezüglich aber einiges lesbar machen.

Katzmair: Spielt Rapid heute im Wesentlichen anders als vor vier Jahren? Nein. Und bei den Nationalmannschaften wird es sich nicht anders verhalten. Allerdings treibt die Zentralisierung eine Dynamik im Fußball an, die messbar ist. Horizontale und vertikale Mobilität überwindet etwa das Durchkreiseln, das Tiqui-taca. Und negatives bzw. passives Tiqui-taca kann auch funktionieren.

STANDARD: Hat das klassische Tiqui-taca, wie man immer wieder liest und hört, also tatsächlich ausgedient?

Neundlinger: Um es mit dem Real-Madrid-Trainer Carlo Ancelotti zu sagen: 'Ein Spielstil an sich stirbt nie aus.' Spaniens Tiqui-taca-Dominanz droht jedoch zweierlei Unbill. Unbill von innen und von außen. Erstens sind Leistungsträger des Teams erschöpft und überspielt, und zweitens hat Brasiliens Sieg im letztjährigen Confed-Cup-Finale gezeigt, dass mittlerweile auch auf Nationalteambasis erfolgreiche taktische Antworten auf die Strategie der Spieldominanz via Ballbesitz formuliert werden können.

Katzmair: Im Prinzip kehrt alles wieder, wie das Pressung, um zu verhindern, dass das Spiel des Gegners überhaupt anfängt. Man hatte aber bisher noch nie Spieler, die es in dieser Geschwindigkeit und Präzision konnten. Das sind aber keine Effekte der Taktik oder Strategie. Das geht so weit, dass es nur noch ganz wenige Trainer gibt, die in der Lage sind, aktuelle Weltklassemannschaften zu fordern und weiterzuentwickeln.

STANDARD: Brasilien ist dazu also in der Lage. Deutschland ebenfalls?

Neundlinger: Kaum ein anderes Team kann sich kollektiv so fokussieren wie das deutsche. Aber vielleicht liegt darin auch die Wurzel des Problems: Es fehlt die Flexibilität, mit Krisen umgehen zu können, die Fähigkeit zum elastischen Turnaround.

STANDARD: Was fällt an heutigen Netzwerken auf?

Katzmair: Zu Beginn der 2000er-Jahre hat sich das gesamte Spiel auf die Flanken verlagert, um die Räume eng zu machen. Das ist zwar noch immer wichtig, aber langsam wird die Spielfläche wieder gleichmäßiger bevölkert.

STANDARD: 1966 und 2014 hat Österreich den Song Contest gewonnen, Real Madrid den Meistercup, Atlético Madrid die spanische Meisterschaft. Wird also England wie damals Weltmeister?

Neundlinger: Das wäre schon eine sehr große Überraschung, jedenfalls eine weitaus größere als der Song-Contest-Sieg von Conchita Wurst. Aber einiges ist den Engländern schon zuzutrauen, die haben einige junge, spannende Spieler mit.

STANDARD: Außenseiter, die man auf der Rechnung haben sollte?

Katzmair: Belgien.

Neundlinger: Natürlich Uruguay. Außerdem Chile, Kroatien, vielleicht sogar Japan. Die klimatischen Bedingungen kommen dem disziplinierten, laufintensiven asiatischen Spielstil entgegen. Die Frage bei den genannten Teams ist: Reicht das für ein ganzes Turnier? Ich bin vorsichtig skeptisch.

STANDARD: Wer verliert das Finale?

Katzmair: Deutschland.

Neundlinger: Und zwar als bessere Mannschaft. (Fritz Neumann, Sigi Lützow, DER STANDARD, 12.6.2014)

Die Oberösterreicher Harald Katzmair (45) und Helmut Neundlinger (40) begegneten einander auf der Uni. Katzmair, Soziologe und Philosoph, baute FASresearch in Wien, San Francisco und Brüssel auf. Zu seinen Kunden zählen Sony, Kodak, Pfizer, Siemens, American Express, Johnson & Johnson, Xerox sowie die Europäische Kommission, Ministerien und Non-Profit-Organisationen. Neundlinger, Philosoph und Germanist, ist freier Journalist.

  • "Spaniens Dominanz droht zweierlei Unbill", sagen die Experten. 2010 konnte Andres Iniesta die Furia Roja noch zum Titel schießen.
    foto: ap

    "Spaniens Dominanz droht zweierlei Unbill", sagen die Experten. 2010 konnte Andres Iniesta die Furia Roja noch zum Titel schießen.

Share if you care.