"Fehlt etwas in der Stadt, sollten wir es selbst schaffen"

Interview12. Juni 2014, 05:30
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Wer auf dem Prager Hauptbahnhof ankommt, hat gute Chancen, mit Klaviermusik empfangen zu werden

STANDARD: Warum verteilen Sie auf tschechischen Straßen und Plätzen Klaviere?

Kobza: Ähnliche Projekte gibt es auch in anderen Ländern, aber unseres ist wohl doch einzigartig. Vorigen Sommer habe ich mit fünf Klavieren begonnen, dann kamen ein paar weitere hinzu. Wesentlich aber ist, dass sich über die sozialen Netzwerke im Internet Menschen aus vielen Städten gemeldet haben, die diese Idee aufgreifen. Bis jetzt haben sich etwa 20 tschechische Städte angeschlossen, bis zum Sommer könnten es bereits 50 sein. Das ist eine echte Revolution. Es zeigt, dass die Menschen den öffentlichen Raum selbst gestalten möchten. Das ist das Wichtigste. Die Musik kommt erst an zweiter Stelle.

STANDARD: Planen Sie auch andere Projekte im öffentlichen Raum?

Kobza: Aber ja, ungefähr zehn. Es geht darum, dass die Initiative nicht von den Rathäusern kommt, sondern direkt von den Menschen. Ich denke da zum Beispiel an Schachtische oder öffentliche Grillplätze. Außerdem plane ich, Biomülltonnen zu verteilen. Wenn etwas in der Stadt fehlt, dann sollten wir uns das einfach selbst schaffen.

STANDARD: Stehen tschechische Städte bei der kreativen Nutzung des öffentlichen Raums schlechter da als andere?

Kobza: Das weiß ich nicht, ich bin nicht viel gereist. Aber wenn in Prag etwas in diese Richtung getan wird, dann häufig von Ausländern. Die Kopenhagener stellen zum Beispiel einen Tisch vors Haus und frühstücken auf der Straße. So etwas würde einem Tschechen kaum einfallen. Aber ich will mich nicht nur von dem inspirieren lassen, was Ausländer machen. Eher haben wir alle gemeinsame Inspirationsquellen. Ich lasse mich etwa gerne von der Idee des Karnevals leiten, die stark auf Spontanität beruht. Es geht mir darum, in den Menschen die Spontanität freizusetzen. Ich bin aber kein Künstler. Ich denke nicht über die konzeptuelle Ebene meiner Projekte nach, das interessiert mich überhaupt nicht.

STANDARD: Kommen wir zurück zu den Klavieren. Vermutlich brauchen Sie jede Menge Genehmigungen. Gibt es damit keine Probleme?

Kobza: Eigentlich nicht. Genau das ist es auch, was ich aufzeigen möchte. Die Barrieren sind meist nur in uns selbst. Die öffentlichen Institutionen sind in der Regel froh, wenn man mit derlei Initiativen kommt. Sie können sich dann damit rühmen, dass sie so etwas bewilligen oder sogar unterstützen. Ich habe mit den Behörden jedenfalls noch keine schlechten Erfahrungen gemacht.

STANDARD: Woher kommen die Klaviere eigentlich?

Kobza: Die ersten habe ich selbst gekauft, mittlerweile melden sich die Leute und wollen mir welche schenken. Außerhalb Prags funktioniert das ähnlich. Manchen Städten helfe ich, indem ich ihnen ein Klavier zur Verfügung stelle, andere Bürger organisieren sich das alles alleine.

STANDARD: Die Klaviere in Prag sind nachts versperrt und abgedeckt. Wer kümmert sich darum?

Kobza: Das ist ganz unterschiedlich. In einem Park im Bezirk Vinohrady haben wir Freiwillige, die das Schloss morgens öffnen und abends wieder abschließen. Das Klavier vor dem Gebäude der Philosophischen Fakultät in Prag betreut der Pförtner der Uni. Irgendwie findet sich immer eine Lösung.

STANDARD: Voriges Jahr ging ein Youtube-Video um die Welt. Darauf war ein Prager Polizist in Uniform zu sehen, der gerade auf diesem Klavier spielt. Was war für Sie persönlich das stärkste Erlebnis?

Kobza: Vor einigen Monaten habe ich einen Brief von einem tschechischen Emigranten bekommen, der in den USA lebt. Er ist 1948 nach der kommunistischen Machtübernahme geflüchtet und war neulich in Prag auf Besuch. Auch er konnte auf diesem Klavier vor der Philosophischen Fakultät spielen und dabei auf die Prager Burg blicken. Er schrieb mir, dass er dabei plötzlich fühlte, wie gern er dieses Land immer noch hat. Mich hat das sehr berührt. Gerald Schubert, DER STANDARD, 12.6.2014)

Ondrej Kobza (35) stammt aus Ostböhmen. Er ist Eigentümer mehrerer Prager Cafés, unter anderem des Café Neustadt. Er widmet sich zahlreichen Projekten im öffentlichen Raum.

  • Auf den in ganz Tschechien verteilten Klavieren spielen Obdachlose, Kinder, Touristen - einfach jeder, der den Raum musikalisch für sich entdecken möchte. Die Idee eines Kaffeehausbesitzers hat für internationales Aufsehen gesorgt.
    foto: gerald schubert

    Auf den in ganz Tschechien verteilten Klavieren spielen Obdachlose, Kinder, Touristen - einfach jeder, der den Raum musikalisch für sich entdecken möchte. Die Idee eines Kaffeehausbesitzers hat für internationales Aufsehen gesorgt.

  • Kobza ist das Mastermind des erfolgreichen Projekts.
    foto: gerald schubert

    Kobza ist das Mastermind des erfolgreichen Projekts.

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