Von Medien, Mythen und Mayas

15. Juni 2014, 17:30
posten

Interdisziplinäre Perspektiven auf Fußball und Gesellschaft

Das Wunder von Córdoba oder der brasilianische Zauberfuß: Wenn man beim Sprechen über Fußball zuhört, könnte man meinen, dass höhere Mächte im Spiel sein. Sicher aber ist, dass diesen Sport zahlreiche Mythen begleiten. Einer davon: Fußball ist ein traditioneller Arbeitersport. Dass diese Ansicht nicht haltbar ist, zeigt der Sportsoziologe Oliver Fürtjes von der deutschen Sporthochschule in Köln in seinem Beitrag zum Sammelband Fußball. Macht. Politik. Interdisziplinäre Perspektiven auf Fußball und Gesellschaft.

Bei seiner Analyse zeigt sich, dass der deutsche Fußball "seit der Weimarer Zeit ein fortdauerndes schichtenübergreifendes Massenphänomen geblieben ist". Das Image des Arbeitervereins wie jenes von Schalke 04 sei jedoch nicht aus der Luft gegriffen: Die Erwerbsstruktur in den Städten der Ruhrgebietsvereine bestand zwischenzeitlich zu 73 Prozent aus Arbeitern, was vielleicht auch den Mythos vom Proletariersport speiste, der sich angesichts der gesichteten Daten nicht aufrechterhalten lässt.

Mit einem anderen Irrtum räumt Simone Schöndorfer, Kulturwissenschafterin der Universität Salzburg auf: Die mediale Berichterstattung über Frauenfußball sei inzwischen weitaus differenzierter und weniger von Machismo geprägt als gemeinhin vermutet. In ihrer Untersuchung von 478 Medienbeiträgen zur Frauenfußball-WM 2011 kommt sie zu dem Schluss: "Wenngleich das Fortschreiten der Gleichberechtigung im Evolutions-, denn im Revolutionstempo geschieht, so zeigen die Ergebnisse der Untersuchung, dass positive Veränderungen bemerkbar sind."

Die Aufsatzsammlung verschafft noch weitere solcher erhellenden Einsichten - etwa die ökonomische Betrachtung börsennotierter Clubs oder die Geschichte der Vereine südamerikanischer Immigranten in Spanien. Dennoch hätte diesem Band eine deutlichere Eingrenzung gutgetan, da das Untersuchungsfeld auf Kosten eines roten Fadens sehr weit abgesteckt wurde - bis hin zu den Ballspielen der Maya.

Auch hier wird die Beziehung von Sport und Gesellschaft aufgezeigt, aber es fragt sich, ob man damit nicht zu weit vom Gegenstand abdriftet. Die Mayas zelebrierten im Ballspiel, bei dem immer wieder auch Teilnehmer starben, ihre kollektiven Vorstellungen von Tod und Auferstehung. Dem legendären Coach des FC Liverpool, Bill Shankly, hätten die Mayas also recht gegeben. Der sagte: "Manche Leute meinen, dass es beim Fußball um Leben und Tod geht. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich versichere Ihnen, es geht um viel mehr." (Johannes Lau, DER STANDARD, 11.6.2014)

  • Jonas Bens, Susanne Kleinfeld, Karoline Noack (Hg.): "Fußball. Macht. Politik". Transcript, 2014
    foto: transcript

    Jonas Bens, Susanne Kleinfeld, Karoline Noack (Hg.): "Fußball. Macht. Politik". Transcript, 2014

Share if you care.