Raue Schale, harter Kern

12. Juni 2014, 18:09
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Das Wiener Duo Ash My Love bringt dem Blues den Dreck zurück und feiert dazu eine wilde Party

Den Blues kann man weiß Gott auf viele Arten haben. Man kann die Schultern und den Kopf hängen lassen und in sein Bier weinen. Man kann die Brust rausstrecken und den Mond anheulen. Man kann aber auch einfach rabiat werden und mit offenem Messer durch die Gegend laufen. Manche Leute haben den Blues im Büro. Der klingt dann wie ein Konzert von Eric Clapton, bei dem der Sänger ein weißes Kurzarmhemd mit Krawatte zur Jeanshose trägt.

Es gibt den Blues mit Latzhose aus dem Lagerhaus. Hier gibt es aus Amerika unzählige Beispiele aus weltfernen Gegenden, wo man noch immer statt des Internets lieber den lieben Herrn Jesus anbetet und sich beim Sonntagsgottesdienst von giftigen Schlangen beißen lässt, um im Rahmen eines Nahtoderlebnisses 40 Meilen entfernt von der nächsten Notaufnahme sowie Lichtjahre von einer Krankenversicherung dessen Gnade zu erfahren – oder auch nicht. Diese Leute tunken die Mund harmonika vor dem Spielen gern in ein Glas Bier, damit sie lauter und aggressiver klingt, aber auch ziemlich schnell rostet und aus dem Mund stinkt.

Möglicherweise haben auch schon Luciano Pavarotti, Johnny Rotten, der Dalai Lama und die Schauspieler von Grey’s Anatomy Blues-platten aufgenommen. Bono und U2 spielen eigentlich immer Blues, aber mehr von einer gospelhaften Strahlkraft, mit Sendungsbewusstsein durchbrochen. Überhaupt neigen interessanterweise vor allem privilegierte weiße Männer aus der Mittelschicht dazu, den Blues zu haben und hunderttausende Tonträger mit Einsamkeit, Unsicherheit, Selbstmitleid, Liebeskummer oder sauertöpfischer Beschwerde vollzujammern.

Kylie Minogue, Rihanna und Miley Cyrus sind übrigens noch am Überlegen. Das Management überprüft derzeit die Gewinnoptionen speziell auch im Merchandising-Bereich. Wenn man davon ausgeht, dass Traurigkeit nicht besonders sexy riecht, wird sich aber vermarktungsmäßig kein dazugehöriges Eau de Toilette ausgehen.

Am besten funktioniert Blues eigentlich nur historisch. Howlin’ Wolf, Robert Johnson, Son House, John Lee Hooker, Hounddog Taylor, diese Leute. Zum heutigen Anlass muss man allerdings auch entschieden darauf hinweisen, dass jüngere Generationen schon auch entdeckt haben, dass Blues nicht eine langweilige, musikwissenschaftlich abgesicherte Angelegenheit für alte dickliche Männer mit würdelosen Frisuren und brüllenden Hawaiihemden ist (wer schon einmal auf einem Bluesfestival war, kennt sich aus …).

Während der letzten drei Jahrzehnte gab es aber auch immer wieder sehr gern auch zu allerlei Missbrauch wie Drogen, Teufelswasser, Fahren mit überhöhter Geschwindigkeit und Zigarettenbrandflecken auf dem Sofa neigende Musiker, die der ganzen Sache ein wenig frische Unvernunft und vor allem auch – bei aller selbstgefühligen Emotionalität – starke Gefühle wie Aggression einhauchten. Der Gun Club oder die Jon Spencer Blues Explosion müssen wieder einmal erwähnt werden.

Blues als zeitloser Punkrock

Natürlich spielen auch beim Wiener Duo Ash My Love Aggressionen eine Rolle, immerhin sieht sich die Band nicht als Jammerlappen im Eck hängend, sondern zur zünftigen Party aufspielend, bei der man eher erst am nächsten Tag leidet, aber keinesfalls während sie noch im Gang ist. Andreas Dauböck (The Morbidelli Brothers) und Ursula Winterauer (Agent Cooper) interpretieren in ihrem Zweitprojekt Ash My Love Blues als zeitlosen Punkrock. Bei dem kann man sich zwar heftig über die Scheißzustände beklagen, die ein Leben so mit sich bringt, gleichzeitig kann man dazu aber auch ordentlich auf die Kacke hauen und das Haus zum Stinken bringen.

Damit das alles nicht zu virtuos mit Umgreifen, Eric-Clapton- und professioneller Musikermucke wird, spielt Dauböck, während er ins Mikrofon schimpft, gleichzeitig elektrische Gitarre und Rudimentärschlagzeug. Ursula Winterauer heißt das Ganze gesanglich gut und kann sehr gut, sehr lange auf einem Ton bleibend, auf eine Änderung im Leben warten, die nicht kommt. Das Debütalbum Honeymoon Blues lässt bezüglich Drecks, Renitenz und trotzdem Feierlaune keine Wünsche offen. Wenn man es gern ungehobelt hat und beim Spruch „Raue Schale, harter Kern“ nicht zu überlegen beginnt, ob es nicht anders heißen muss, dann ist man bei Ash My Love richtig gut aufgehoben. (Christian Schachinger, Rondo, DER STANDARD, 13.6.2014)

Ash My Love: „Honeymoon Blues“ (Noise Appeal Records / Hoanzl)

  • Andreas Dauböck und Ursula Winterauer spielen als Ash My Love den wilden Blues.
    foto: noise appeal records / hoanzl

    Andreas Dauböck und Ursula Winterauer spielen als Ash My Love den wilden Blues.

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