Mitschwimmen um jeden Preis

Kommentar11. Juni 2014, 16:37
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Der Film die "Freischwimmerin" vermittelt, dass man sich assimilieren muss, denn sonst bleibt jede Anerkennung verwehrt

Die "Freischwimmerin“, eine deutsch-österreichische Fernsehproduktion, wurde vor sechs Tagen im ORF und ARD gesendet und erzählt von der  jungen Muslimin Ilayda Demirel. Die  passionierten Schwimmerin steht vor der Wahl: Entweder sie entscheidet sich ihr Burkini (Ganzkörperbadeanzug) gegen einen Badeanzug einzutauschen, oder sie und ihr Team sind für den Wettbewerb disqualifiziert. Dabei ist das Schwimmen die einzige Hoffnung für Ilayda dazuzugehören. Schlussendlich entscheidet sich die junge Muslimin für den Badeanzug. Über diese Entscheidung scheinen sich alle zu freuen, nur sie nicht.

Nicht "anders" sein dürfen

Ilayda wollte sich dem Druck nicht beugen und ihren Werten treu bleiben, aber sie tat es doch. Die Lehrerin und der Direktor versuchten mit dem Wettbewerbs- Zuständigen zu sprechen, der jedoch will keine Ausnahme machen: "Die Burschen schwimmen in Shorts, die Mädchen in Badeanzügen. Aus." Schließlich macht er das hier seit zehn Jahren und es habe nie Probleme gegeben. Martha, die engagierte Lehrerin und der Schuldirektor des Wiener Gymnasiums versuchen mit ihm zu sprechen, vergebens. Zu erwarten wäre hier ein Aufstand der Schüler. Doch dieser kam nicht. Ilaydas Team hat anscheinend kein Interesse an sein bestes Teammitglied. In diesem Moment zählte nichts anderes als das Mitmachen. Ilayda passt sich an, um mitzuschwimmen. "Sie ist ein Schwan, der sich selbst zum hässlichen Entlein gemacht hat.“ Das schreibt Elmar Krekeler in „Die Welt“ über Ilayda. In der Filmbeschreibung steht, sie hätte sich ihre Ausgrenzung selbst gewählt. Warum?

Entscheidet sie sich für ein selbstbestimmtes Leben, entscheidet sie sich für das Kopftuch, so ist sie automatisch ausgegrenzt. Und daran wäre nur sie Schuld, denn sie wählt es selbst aus. Nein sie wurde nicht gezwungen oder unterdrückt, sie selbst will es so. In diesem Fall ist es die Schule, die zur Quelle des Drucks wird und sie dazu zwingt etwas zu machen, was sie nicht machen will. Dass ein Mädchen sich für eine bestimmte Lebensform entscheidet, die anscheinend nicht gefällt, wird nicht akzeptiert, obwohl auch der Lehrerin bewusst ist, dass ein Burkini genauso zum Schwimmen geeignet ist wie ein Badeanzug. Wie dem auch sei: Von Ilayda wird erwartet mitzumachen, mitzuschwimmen und ja nicht anders zu sein. Will sie anders sein, will sie im Burkini schwimmen, kann sie nicht dazu gehören, wird sie nicht zugelassen, grenzt sie sich aus und bleibt ein hässliches Entlein. Sie ist die Freischwimmerin, weil sie sich äußerlich von ihrer Kleidung befreit, innerlich jedoch sich dem Druck der anderen ergibt und sich fremdbestimmen lässt.

Die Gesellschaft entscheidet also darüber wer frei ist und wer nicht. Ilayda zieht sich aus, um nicht ausgeschlossen zu werden, wider Willen. Und das sagt ist die Botschaft des Filmes der gelungenen Integration: Ihr habt euch anzupassen. Ihr habt im Strom mitzuschwimmen.

Mitschwimmen um jeden Preis

Besonders Jugendliche mit Migrationshintergrund geraten in ihrem Prozess der Identitätsfindung ins Schwimmen. Im Film wird vermittelt, dass es für Vielfalt keinen Platz gibt, wer mitschwimmen will, muss seine eigenen Werte komplett ablegen und im wahrsten Sinne des Wortes mitschwimmen. Ob das Mädchen will oder nicht, sie muss das Burkini ablegen, um mitschwimmen zu dürfen, um sich erst recht nicht auszugrenzen. Ilayda ist eine engagierte Jugendliche und steht für viele Jugendliche in Österreich, die durch Leistung partizipieren wollen. In diesem Film wird aber klar gezeigt, dass sie sich assimilieren muss, denn sonst bleibt ihr jede Anerkennung verwehrt. (Nermin Ismail, 11.6.2014, daStandard.at)

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