Die Ausstellung als Peepshow

11. Juni 2014, 17:09
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Jochen Traar im Projektraum der Viertelneun Galerie

Wien - Wenn Sie die Telefonnummer 0681/84 11 80 08 wählen, öffnen sich an einem Ladenlokal in Wien-Alsergrund drei rote, die Schaufenster verschließende Rollos. Für sieben Minuten haben Sie dann einem Passanten - bestenfalls aber sich selbst - eine Ausstellung von Jochen Traar geöffnet. Dann entzieht sich die Kunst wieder den Blicken, schließt die Blenden, macht dicht.

Aber auch die Arbeiten selbst wollen aktiviert, wachgeküsst werden durch einen kostenfreien Telefonanruf: etwa ein gelber Elektrorasenmäher, der vor- und zurückfährt und dazu blechern-synthetisch kläffen kann. Don't mind the dog, beware of the owner ruft das kinetische Objekt halblustige Warnschilder an Schrebergarten-Jägerzäunen ins Gedächtnis. Volksnahe Hochkultur heißt denn auch ein Turm aus Bierkisten, den ein weiterer Anruf anstupst. Aber die bierlaunige Volksseele erholt sich schnell von solchen Klischeeprovokationen. Ein bisschen heiße Luft genügt jedoch, damit sich ein Hemd aufbläst: Shirt. Oder: Bei Anruf Hölle! Jedenfalls blitzen den Betrachter dann gefühlte zigtausend Watt an - Glühbirnen, die die Lettern H, E, L und L bilden: Hell. Ein aggressives Wortspiel, das allerdings ebenso kalauert wie Traars andere, aus dem Alltag recycelte Objekte.

Die Banalität ist jedoch etwas, das Traar, der sehr viele Projekte im öffentlichen Raum realisiert hat, nicht scheut. Allzu Komplexes würde von dem ablenken, was dahinter liegt, erläuterte er 2013 im Zuge seiner Personale im MMK Kärnten. Es sind vielmehr die sozial(politisch)en Strukturen, die den 1960 geborenen Künstler, der einst bei Bruno Gironcoli studiert hat, interessieren.

Leider vermag auch das Banale vom Wesentlichen abzulenken, wenn man sich ihm ganz generell verweigert. Im Grunde ist dieser Reflex schade, weil doch das evozierte Bild von der Ausstellung als Peepshow und dem sich prostituierenden Kunstbetrieb, der sich auf Zuruf zum Spektakel aufbläht, gefällt. So scheint das Projekt ART PROTECTS YOU on demand der Viertelneun Galerie irgendwie zerrissen: nicht pure Oberfläche, aber auch nicht wirklich tiefsinnig. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 12.6.2014)

Bis 15. 6.

Viertelneun Projects

Pramergasse 22, 1090 Wien

www.viertelneun.com

  • Pingpongballsprudel, der im Titel auf Barnett Newmans "Who's Afraid of Red, Yellow and Blue" Bezug nimmt.
    foto: anne katrin feßler

    Pingpongballsprudel, der im Titel auf Barnett Newmans "Who's Afraid of Red, Yellow and Blue" Bezug nimmt.

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