Aus dem Augenblick geboren

11. Juni 2014, 17:03
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Pianistin Gabriela Montero mit Schumann und Spontanem im Wiener Konzerthaus

Wien - Im Leben ist Improvisation überlebensnotwendig, in der Kunst wird spontane Kreativität bestenfalls geduldet - sie spielt den Säulenheiligen Perfektion und inhaltliche Substanz nicht gerade in die Hände. Nur im Jazz hat sich die Improvisation zu einem beklatschenswerten Must emporgerackert.

Gabriela Montero macht in ihrem Klavierabend, was sonst niemand in dieser Branche tut: Sie improvisiert. Man kann ihr Melodien vorsingen oder Themen vorschlagen, mit denen sie dann spielt. Bei ihrem Abend im Konzerthaus waren das Toscas Divenklage Vissi d'arte, Eliza Doolittles Sprachübung Es grünt so grün oder Wien, Wien, nur du allein.

Die Venezolanerin baute daraus meist vollgriffige Sätze im spätromantischen Stil, in denen die Themen mal mehr, mal weniger präsent waren und freudvoll verschiedene Tonarten durchwanderten, um in einem fulminanten Finale zu kulminieren. Montero improvisierte auch über ihre Heimat, wies zuvor auf die 25.000 Morde hin, die sich dort jährlich ereignen, auf Folter und Verzweiflung. Es wurde eine traurige Improvisation in gis-Moll.

Im ersten Teil spielte die sympathische Spontankomponistin ein Werk einer Kollegin, der authentischen Romantikerin Clara Schumann. Deren g-Moll-Sonate, 1842 vollendet, 1991 erstmals publiziert, erwies sich als ein gehaltvolles, abwechslungsreiches Werk. Darauf folgte der Carnaval von Claras Gatte Robert: wundervoll kraftvoll, solide, kernig dessen Eröffnung.

Monteros Interpretationen erwiesen sich als eine runde Sache. Ihr Spiel war geerdet, ihre Phrasen waren kraftvoll gezeichnet: im Großen und Ganzen eine Nuance mehr Haflinger als Rennpferd. Aber auch zauberhaft zarte Momente in Schumanns Scènes mignonnes. Viel Beifall hier, helle Begeisterung beim Improvisationsteil. Ein schöner Abend. (Stefan Ender, DER STANDARD, 12.6.2014)

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