Weltbeschau mit erhobenem Mittelfinger

11. Juni 2014, 17:07
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Neben zwei Fotoserien und einem Video zeigt Ai Weiwei in der Galerie König das gemeinsam mit Olafur Eliasson entwickelte Projekt "Moon": Ein virtueller Mond bittet um Statements

Wien - Ein Faible für vieles vom Gleichen hat Ai Weiwei immer wieder bewiesen: mit abertausenden Sonnenblumenkernen aus Porzellan beispielsweise oder zuletzt mit einer Heerschar von Hockern, die er in seiner Ausstellung im Berliner Gropius-Bau aufstellen ließ oder bei der Biennale Venedig 2013 auftürmte.

In seiner Wiener Schau setzt sich diese Vorliebe für das beinahe Identische nun abermals fort: Zu sehen sind 40 Fotografien von einer Serie, die zwischen 1995 und 2011 entstanden ist. Alle Aufnahmen zeigen weltberühmte Sehenswürdigkeiten wie den Eiffelturm, den Reichstag, das Weiße Haus, die Oper von Sidney oder auch den Tiananmen-Platz. Damit würden Unterschiede zwar deutlich überwiegen. Verbindlich ist für alle Bilder der Serie Study of Perspective allerdings sein erhobener Mittelfinger, den Weiwei beim Fotografieren immer wieder mitten in das Zentrum der Aufnahme streckt.

Das hat zwar auch etwas Halbstarkes. Denkt man jedoch an die Schikanen, denen der chinesische Regimekritiker ausgesetzt war, wird nicht nur emotional einiges klarer: Die Arbeit macht ebenso deutlich, dass seine Betrachtung der Welt schon lange nicht mehr unschuldig ist.

Im New York der 1980er-Jahre - der Künstler lebte von 1983 bis 1993 in der Stadt - sah das noch etwas anders aus. Dies verdeutlicht in der Galerie eine Reihe von Schwarz-Weiß-Fotografien Ai Weiweis. Die Selbstinszenierungen zeigen ihn im Museum vor einer Arbeit von Marcel Duchamp; in einem Restaurant posiert der junge Mann neben Allan Ginsberg, und mit den Aufnahmen in New Yorks Straßen bringt er zudem sein performatives Talent ins Spiel.

Die Projekte Moon und MoMA Visit führen dann wieder ins Jetzt zurück: Davon ausgehend, dass ein Studiobesuch von einer Delegation des New Yorker Moma zu spannenden Bildern führt, hat er mit fünf versteckten Kameras ihre Anwesenheit auf dem Gelände gefilmt. Das Ergebnis sind fünfmal 50 Minuten, die ihre Kritik an der Kunstwelt leider etwas verfehlen, während sich das interaktive Projekt Moon für eine gute Beschimpfung durchaus eignen würde. Das Publikum hat schließlich die Möglichkeit, auf dem virtuellen Mond ein Statement zurückzulassen. Ai Weiwei selbst gelingt das trotz seiner durchaus verständlichen Sehnsucht nach anderen Welten mit dieser Arbeit aber leider nicht. (Christa Benzer, DER STANDARD, 12.6.2014)

Bis 21.6.

Christine König Galerie

Schleifmühlgasse 1A, 1040 Wien

www.christinekoeniggalerie.com

  • "Perspektivstudien" führten Ai Weiwei zwischen 1995 und 2011 nicht nur zum Kolosseum, sondern auch zu anderen Sehenswürdigkeiten.
    foto: ai weiwei/ galerie könig

    "Perspektivstudien" führten Ai Weiwei zwischen 1995 und 2011 nicht nur zum Kolosseum, sondern auch zu anderen Sehenswürdigkeiten.

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