Studieneinstieg: Orientierungsphase auf Irrwegen

11. Juni 2014, 18:07
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Der Studieneinstieg gehört reformiert, sagt die ÖH, Änderungen gibt es aber erst 2015

Eigentlich hätte die Studieneingangs- und Orientierungsphase alles einfacher machen sollen. Aber nicht nur der Name des ersten Studienabschnitts ist kompliziert. Der Rechnungshof hat die sogenannte "Steop" kritisiert, weil das Gesetz den Universitäten zu viel Spieraum lässt. Eine Studie hat zudem gezeigt, dass ein Viertel der Studenten in den ersten beiden Semestern gar keine Lehrveranstaltungen erfolgreich absolviert. Die Österreichische Hochschülerschaft (ÖH) drängt deshalb auf eine Reform des Studieneinstiegs.

Die Steop war im Wintersemester 2011/12 eingeführt worden, um den Studierenden einen Überblick über die wesentlichen Inhalte ihres Studiums zu liefern. In jenen Studien, in denen keine Zugangsbeschränkungen gelten, muss es eine Studieneingangsphase geben. In einem Bericht vom Oktober 2013 hat der Rechnungshof allerdings kritisiert, dass es im Gesetz keine inhaltlichen Anforderungen an die Steop gestellt werden.

Die Orientierungsphase wird an den Universitäten sehr unterschiedlich umgesetzt: Der Umfang reicht von 0,5 ECTS-Punkten bis zu 30 ECTS-Punkten (siehe Grafik). ECTS-Punkte sind Leistungspunkte für Lehrveranstaltung, ein Punkt entspricht 25 Arbeitsstunden. Die Absolvierung der Steop ist Voraussetzung für eine Fortsetzung des Studiums.

30 Prozent brechen Studium ab

Laut einer aktuellen Studie des Instituts für Höhere Studien (IHS) brechen 30 Prozent der Studienanfänger ihr Studium innerhalb der ersten beiden Semester ab. Ein Viertel ist während der ersten beiden Semester nicht aktiv und erwirbt keinen einzigen ECTS-Punkt, 16 Prozent haben weniger als 16 ECTS erworben und gelten als prüfungsinaktiv. Die stellvertretende ÖH-Vorsitzende Julia Freidl (VSSTÖ) geht davon aus, dass die meisten Studienanfänger ihr Studium abbrechen, weil sie mit der Studienwahl nicht zufrieden waren.

Falsche Vorstellungen

"Es wundert mich nicht, dass so wenige Studenten Prüfungen absolvieren", sagt Freidl im Gespräch mit derStandard.at. Vor allem an der Wirtschaftsuniversität Wien, wo sie selbst studiert, würden Studierende abgeschreckt. "Mir hat man am Studienbeginn gesagt, dass ich meine rechten und linken Sitznachbarn später nicht mehr sehen werde, weil sie die Eingangsphase nicht schaffen." Wenn man so an der Hochschule begrüßt werde, sinke die Motivation und man werde eingeschüchtert. Es sei falsch, aus den Studienergebnissen zu schließen, dass die Studenten faul seien. Vielmehr seien die Studierenden orientierungslos und würden sich für irgendwelche Studien inskribieren, weil sie eine komplett falsche Vorstellung davon hätten.

Probesemester

Anstatt der aktuellen Steop fordert die ÖH deshalb eine "wirkliche" Orientierungsphase. Dabei sollen sich die Studienanfänger auf einer Online-Plattform für alle Hochschulen für drei verschiedene Studien an verschiedenen Universitäten, Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen anmelden können. Zudem soll es Einführungstutorien zum Universitätsbetrieb im Allgemeinen und ins wissenschaftliche Arbeiten geben. Erst im zweiten Semester müssten sich die Studenten dann für eines ihrer Studien entscheiden.

"Uns ist klar, dass der ÖH-Vorschlag nicht eins zu eins übernommen wird, aber bei einer Reform sollte sich zumindest eine Orientierung wiederfinden. Es soll nicht darum gehen, achtzig Prozent der Studenten nach Studienbeginn wieder rauszuhauen", sagt Freidl.

Bericht Ende 2015

In einer Stellungnahme für derStandard.at heißt es aus dem Wissenschaftsministerium, dass die Auswirkungen der Steop derzeit gemeinsam mit den Universitäten und der ÖH evaluiert werden. Den Ergebnissen wolle das Ministerium nicht vorgreifen, bis spätestens Dezember 2015 soll ein Bericht vorliegen. Mit den Ergebnissen sei aber früher zu rechnen.

Generell zeige die IHS-Studie, dass vor allem an jenen Universitäten weniger Studenten ihr Studium abbrechen, an denen es Zugangsbeschränkungen gebe. "Das verdeutlicht den Handlungsbedarf bereits vor dem Studium." (Lisa Aigner, Florian Gossy, derStandard.at, 11.6.2014)

  • Die stellvertretende ÖH-Vorsitzende Julia Freidl fordert eine "wirkliche Orientierungsphase".
    foto: apa/techt

    Die stellvertretende ÖH-Vorsitzende Julia Freidl fordert eine "wirkliche Orientierungsphase".

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