Niederländische System-Revolution

11. Juni 2014, 11:56
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Bei "Oranjes" findet die Abkehr vom 4-3-3-System statt  - Van Gaal plant 5-3-2-System - Haan und Van Marwijk als Kritiker

Rio de Janeiro - Bei der niederländischen Fußball-Nationalmannschaft kündigt sich vor dem ersten großen Schlagerspiel der WM in Brasilien eine Zeitenwende an. Die "Oranjes" verzichten offenbar am Freitag in Salvador gegen Titelverteidiger Spanien auf ihr traditionelles 4-3-3-System, was schon Tage vor der Neuauflage des WM-2010-Finales für große Aufregung sorgte.

Seit den Zeiten der legendären Mannschaft rund um Johan Cruyff in den 1970er-Jahren gilt der offensiv ausgerichtete "Totaalvoetbal" mit seiner 4-3-3-Formation nicht nur in der Elftal als praktisch unantastbar. Schon niederländische Nachwuchs-Kicker werden primär so ausgebildet, dieses System optimal umsetzen zu können, viele Clubs ziehen dieses System von ihren Junioren bis zu den Profis durch.

Dadurch entwickelte die Niederlande ihren eigenen Spielstil, der ihnen bisher immerhin einen Europameistertitel (1988) und drei WM-Finalteilnahmen (1974, 1978, 2010) einbrachte. Doch Teamchef Louis van Gaal plant nun eine Änderung, die in den Niederlanden beinahe als Revolution aufgefasst wird - die Umstellung auf ein 5-3-2.

Große Präsenz im Mittelfeld

Dies könnte zwar zu einer Verringerung der Offensiv-Schlagkraft führen, allerdings auch einen angenehmen Nebeneffekt haben. Es wird eine erhöhte Präsenz im Zentrum geschaffen, was vor allem den traditionell durch die Mitte kombinierenden Spaniern nicht schmecken dürfte.

Grund für die erwartete Umstellung ist laut Van Gaal aber nicht, den Spaniern eine Abwehrschlacht zu liefern. Er sei unter anderem durch die schwere Knieverletzung des zentralen Mittelfeldspielers Kevin Strootman dazu gezwungen worden, betonte der künftige Trainer von Manchester United und verteidigte seine Maßnahme. "Das ist ein System, das die Stärken meiner Spieler zur Geltung bringt."

Davon war beim mühevollen 1:0 im Testspiel am 31. Mai gegen Ghana nicht allzu viel zu sehen. Auch als es Van Gaal zuletzt beim 2:0 gegen Wales mit einem 4-4-2 versuchte, lief es nicht besser. "Wir befinden uns in einem Prozess. Bis zur WM haben die Spieler das neue System verinnerlicht", betonte Van Gaal.

Enthusiasmus und Skepsis

Der 62-Jährige berichtete, seine beiden Führungsspieler Arjen Robben und Robin van Persie hätten "enthusiastisch" reagiert, als sie vom Systemwechsel erfuhren. Nach dem Wales-Match war die Begeisterung von Robben offensichtlich verflogen. "Wir finden vorne die freien Spieler noch nicht und treffen bei Ballbesitz viele falsche Entscheidungen", erklärte der Bayern-Legionär. Seine Aussagen wurden in niederländischen Medien prompt als versteckte Kritik an der neuen Spielphilosophie interpretiert.

Kein Hehl aus ihrer Skepsis machten hingegen prominente Figuren im niederländischen Fußball. So meinte etwa Ex-Bondscoach Bert van Marwijk, der die Elftal vor vier Jahren ins WM-Finale führte: "Das ist nicht einfach nur eine Anpassung, sondern eine deutliche Veränderung, die den Spielern alles abverlangt." Der frühere HSV-Trainer wünscht sich eine Rückkehr zum 4-3-3. "Wir haben vor vier Jahren bewiesen, dass man damit Erfolg haben kann."

Noch deutlicher wurde Arie Haan, Vizeweltmeister 1974 und 1978. "Ich plädiere dafür, vom neuen System abzusehen und unsere Identität zu behalten. Der niederländische Fußball ist seit 1974 für seine offensive Ausrichtung bekannt, und es ist eine Todsünde, dass dies 40 Jahre später zum Fenster rausgeworfen wird", schimpfte der frühere Austria-Betreuer. (APA, 11.6.2014)

  • Noch spielen die Niederländer mit und gegen sich selbst.
    foto: ap/ wong maye-e

    Noch spielen die Niederländer mit und gegen sich selbst.

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