Moldau: Informatikkollegs für Europas Armenhaus

11. Juni 2014, 13:48
13 Postings

In dem osteuropäischen Staat beträgt eine Pension 40 Euro im Monat. Die österreichische NGO Concordia will hier allen Generationen helfen

Tudora/Pirita - Die Tapeten riechen noch nach Tapetenkleber, so frisch sind sie. Der Garten, zur Zeit noch eine richtige "Gstettn", wird gerade umgegraben, damit Irina P. hier später Obst und Gemüse anbauen kann. P. ist 31 Jahre alt und Alkoholikerin. Sie war viel unterwegs in den vergangenen Jahren, etwa in der Türkei zum Geldverdienen, zuletzt war sie in einem Rehabilitationszentrum. Nun soll sie lernen, wieder für sich und ihre eineinhalbjährige Tochter Julia zu sorgen. Die österreichische Hilfsorganisation Concordia hilft ihr dabei. Auch damit Irina P. ihre Tochter behalten kann und diese nicht ins Kinderdorf muss.

Concordia hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten in Osteuropa vor allem humanitäre Hilfe geleistet, nun aber versucht man auch nachhaltig zu arbeiten. Denn nicht nur die Kinder in dem Kinderdorf werden erwachsen, auch das Konzept von Concordia ist aus den Kinderschuhen heraus.

Berufsschulen mit IT-Schwerpunkt

In Pirita werden etwa 170 Kinder und Jugendliche betreut. In den vergangenen Jahren hat man versucht, die Anzahl zu verringern, um die Qualität der Betreuung zu verbessern, und in die Ausbildung der Pädagogen investiert. Etwa ein Drittel der Kinder sind Waisen. Die anderen wurden entweder von den Eltern, die im Ausland arbeiten, verlassen oder können nicht in ihren Familien leben, weil Krankheit, Verwahrlosung oder Gewalt eine Gefahr für ihre Entwicklung darstellen. Concordia geht aber immer mehr dazu über, die Herkunftsfamilien der Kinder zu stärken, damit diese zumindest teilweise wieder zurückkehren können.

Bei den größeren Jugendlichen geht es darum, Jobperspektiven zu schaffen, wenn sie das Kinderdorf verlassen. Deshalb fördert auch die österreichische Entwicklungszusammenarbeit ADA Berufsschulen in Moldau. Eine halbe Million Euro wird in drei Kollegs für Informatik und Computer und zwei Berufsschulen investiert, die ebenfalls einen IT-Schwerpunkt haben. Die Curricula in den Schulen werden damit den Anforderungen des Marktes angepasst, und es soll mehr Berufspraxis für die Schüler ermöglicht werden.

"Wir wollen durch den Ausbau praxisbezogener Berufsbildung Jugendlichen eine Zukunft in ihrer Heimat ermöglichen und Jobmöglichkeiten schaffen", sagt Gerhard Schaumberger, der für die ADA in Moldau arbeitet. Die ADA fördert die Organisation Concordia mit drei Millionen Euro.

Ein Sozialsystem, das kein Leben absichern kann

Anastasia schließt gerade die neunte Klasse ab. Sie lebt seit drei Jahren in dem Kinderdorf in Pirita, weil beide Eltern Alkoholiker sind und der Vater gewalttätig. Die Mutter ging in die Türkei, um zu arbeiten. Die Großmutter, bei der die Kinder waren, wurde krank und konnte sich nicht mehr kümmern. Nun ist Anastasia 15 und möchte Floristin werden. Sie wird nach Chisinau in eine betreute Wohngruppe ziehen und eine Berufsschule besuchen.

Mittlerweile gibt es in Moldau, das zwischen Rumänien und der Ukraine liegt, auch zehn Sozialzentren von Concordia, in denen vor allem alleinstehende ältere Menschen unterkommen, die andernfalls im Winter erfrieren oder verhungern würden. Weil in den vergangenen zwei Jahrzehnten etwa eine Million Moldauer ins Ausland, entweder in die EU, nach Russland oder in die Ukraine, gegangen sind, um dort Arbeit zu finden, fehlt im Land oftmals die mittlere Generation, die für Kinder und Alte sorgt.

Ein Sozialsystem ist praktisch nicht vorhanden oder so rudimentär, dass es im Notfall kein Leben absichern kann. Die Pensionisten hier in Tudora haben etwa 40 Euro Pension pro Monat. Davon kann man auch in Moldau weder die Heizung noch das Essen bezahlen. Langfristig sollte es wohl es darum gehen, dass der Staat die Aufgaben von Concordia übernimmt, doch der moldauische Staat hat bisher weder die finanziellen Mittel noch die Leute noch die administrativen Kapazitäten dafür.

Tanz und sehr laute Musik

Moldau ist aber nicht nur eines der ärmsten Länder Europas, sondern auch wunderschön, ähnlich schön, wie der Name Moldau klingt: grüne, sanfte Hügel mit leuchtenden Raps- und Mohnfeldern, dazwischen Dörfer entlang von Lehmstraßen, an denen Enten spazieren gehen und ältere Leute auf schiefen Holzbänken sitzen. Detailreich verzierte Fenster und Giebel an geduckten Häusern in hellem Blau und Grün, Frauen mit quietschgrünen oder pinken blumigen Kopftüchern.

Concordia ist als größte und wichtigste NGO in Moldau auch von politischer Bedeutung. Wenn Hans Peter Haselsteiner, der im Vorstand von Concordia ist, nach Pirita kommt, gibt es ein großes Schulfest, es wird getanzt und sehr laute Musik gespielt, der Premier hält eine Rede, und Haselsteiner umarmt Schüler und verteilt Geschenke. Vergangenes Jahr hat Concordia in Moldau 2,5 Millionen Euro für Sozialarbeit ausgegeben. Insgesamt betreut Concordia 2.500 ältere Menschen, es gibt 28 Suppenküchen. Den größten Teil des Budgets machen die Privatspenden aus, 21 Prozent kommen aus Stiftungen und Unternehmen, wie jene von Haselsteiner.

Die Concordia-Projekte in Moldau sind auch das Produkt einer Männerfreundschaft zwischen dem Jesuitenpater und PR-Genie Georg Sporschill und dem Industriellen Haselsteiner, beides Macher. Haselsteiner sagt, dass er von seiner Mutter gelernt habe, für soziale Anliegen Verantwortung zu übernehmen. (Adelheid Wölfl aus Moldau, derStandard.at, 11.6.2014)


Anmerkung: Die Reise nach Tudora und Pirita in Moldau erfolgte auf Einladung von Concordia.

  • Detailreich verzierte Häuser - um deren Substanz es in Moldau oft nicht zum Besten bestellt ist.
    foto: irene brickner

    Detailreich verzierte Häuser - um deren Substanz es in Moldau oft nicht zum Besten bestellt ist.

  • Wenn Hans Peter Haselsteiner kommt, wird gefeiert.
    foto: irene brickner

    Wenn Hans Peter Haselsteiner kommt, wird gefeiert.

Share if you care.